© VBS, Clemens LaubBlaulichtkräfte wie die Polizei, aber auch Betreiber kritischer Infrastrukturen und das Militär sind auf eine sichere mobile Kommunikation und Datenübertragung angewiesen. Der Bund treibt drei entsprechende Projekte voran.Blaulichtkräfte wie die Polizei, aber auch Betreiber kritischer Infrastrukturen und das Militär sind auf eine sichere mobile Kommunikation und Datenübertragung angewiesen. Der Bund treibt drei entsprechende Projekte voran.Mobile Kommunikation ist für Einsatzkräfte essenziell – auch in Krisenlagen oder wenn das bestehende Mobilfunknetz überlastet ist. Der Bund treibt aktuell drei Projekte voran. Dabei läuft nicht alles wie geplant.

Blaulichtorganisationen wie Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz und Rettungsdienste, aber auch Betreiber/-innen kritischer Infrastrukturen (BKI) und das Militär müssen jederzeit ­kommunizieren und grössere Datenmengen austauschen können – mobil und sicher. Normalerweise funktioniert das gut – auf Basis der bestehenden Netze. Sind diese aber überlastet oder fallen teilweise respektive gänzlich aus, etwa im Katastrophen- oder Krisenfall, ist die sichere mobile Breitbandkommunikation nicht mehr unter allen Umständen gewährleistet. Genau das aber, konkret die «Verfügbarkeit der Sicherheitskommunikation in allen Lagen», ist seit 2019 im Fernmeldegesetz (FMG) festgeschrieben.

Daher arbeitet der Bund, basierend auf dem im Dezember 2019 totalrevidierten Bundesgesetz über den Bevölkerungsschutz und den Zivilschutz (BZG), an drei Projekten:

1. Werterhalt Polycom 2030 (WEP 2030)
2. Nationales sicheres Datenverbundsystem (SDVS)
3. Mobile breitbandige Sicherheitskommunikation (MSK)

Alle drei Projekte sind eng miteinander verknüpft, technisch anspruchsvoll – und teuer. Im Februar 2021 zeigte sich: Nicht alles läuft wie erhofft – und Michaela Schärer, seit 4. Januar 2021 Direktorin des BABS, ist entsprechend stark gefordert.

WEP 2030

Das ab 2001 errichtete mobile Sicherheitsfunksystem ­Polycom wird von rund 55’000 Personen genutzt und gilt als sicher und zuverlässig. Allerdings kann es nur begrenzte Datenmengen übertragen und kostet aufgrund proprietärer Komponenten Unsummen. Bis 2015 investierten Bund und Kantone rund 750 Millionen Franken – ohne Berücksichtigung der Betriebs- und Personalkosten. Das 2016 lancierte Projekt «Werterhalt Polycom 2030» kostet weitere 500 Millionen Franken – mindestens. 325 Millionen entfallen auf die Modernisierung der gut 170 Haupt- und Nebenvermittler sowie 750 Basisstationen, die von der TDM-Technologie (Time Division Multiplex, eine Übertragungstechnologie aus den 1990er-Jahren) auf IP-Standards (Internet Protocol) migriert werden. Da dies bis 2025 dauern soll, musste die mit der Aufgabe betreute Atos Schweiz AG einen systemtechnischen Übergang (TDM/IP-Gateway) entwickeln und integrieren. Nur so können beide Übertragungstechnolo­­gien parallel genutzt und eine vollständige Funktion auf tak­tischer Einsatzebene sichergestellt werden.

Kürzlich zeigte sich: Das Projekt harzt. Zwar ist das TDM/IP-Gateway fertig und hat sich im Testbetrieb bewährt. Doch es gibt Probleme bei der Einbettung der neuen Funksystemkomponenten in die kantonalen Datennetzumgebungen. Laut Mitteilungen des BABS bekundet die Atos Schweiz AG Mühe in den Bereichen Qualität, Fachwissen, Sicherheit und ­Dokumentation der zentralen Infrastrukturkomponenten.

Laut BABS besteht daher ein «erhebliches Risiko eines über 2025 hinausgehenden Parallelbetriebs der beiden Technologien» und von Mehrkosten von «mehr als 10 Millionen Franken» – pro Jahr.

Weitere Kosten wird der Ersatz der Polycom-Endgeräte verursachen. Die ältesten Endgeräte des Typs P2G werden vom Hersteller nicht mehr repariert, für das TPH700 endet 2025 der Produktsupport und das TPH900 leidet unter Hardwarefehlern, allen voran Spontanabschaltungen. Zwar veranlasste das BABS 2019 den Tausch der Original-Akkus gegen Energiespeicher von Akkupoint (siehe Blaulicht 04/2019) und die aktualisierte Gerätesoftware schaltet betroffene Geräte umgehend wieder ein. Dennoch treten noch immer Spontanabschaltungen auf und die Ursachen sind unklar – trotz Untersuchungen seitens der EMPA und einem engen Austausch des BABS mit der französischen Gendarmerie, die das TPH 900 ebenfalls nutzt und die Probleme kennt. Immerhin konnte das BABS bei Herstellerin Airbus eine Erstreckung der Garantieleistungen bis Ende 2027 für bereits eingeführte Geräte erwirken.

© VBS, Sina GunternLaut Fernmeldegesetz (FMG) ist die Verfügbarkeit der Sicherheitskommunikation in allen Lagen verpflichtend – auch im Krisenfall oder wenn die bestehenden Mobilfunknetze überlastet oder ausgefallen sind.Laut Fernmeldegesetz (FMG) ist die Verfügbarkeit der Sicherheitskommunikation in allen Lagen verpflichtend – auch im Krisenfall oder wenn die bestehenden Mobilfunknetze überlastet oder ausgefallen sind.SDVS

2019 begannen die Arbeiten am «Sicheren Datenverbundsystem (SDVS)», welches ab 2027 die 120 zentralen Führungsstandorte von Bund (40 Standorte), Kantonen (36) und den BKI (44) via hochverfügbares geschütztes Netzwerk miteinander verbinden soll. Laut Plan sollte die Konzeptphase des 150-Millionen-Projektes Ende 2021 bewältigt sein und 2022 die Realisierung starten. Doch zwischenzeitlich provozierte die «technische Komplexität» laut BABS eine «neue Gesamtbeurteilung».

So wurde das Projekt in ein Programm umgewandelt und in drei Teilprojekte gesplittet: erstens das Sichere Datenverbundnetz (SDVN). Dieses schafft die Basis für alle künftigen Sicherheitskommunikationssysteme im Bevölkerungsschutz und im nationalen Krisenmanagement – inklusive MSK und Polycom-System – und soll einen bis zu 14 Tage andauernden Blackout aushalten. Zweitens das Datenzugangssystem (DZS) für alle in sich geschlossenen Anwendungen mit Authentifizierungsdiensten (Polycom, Polyalert und Polyinform). Drittens die Lageverbundservices (LVS; vorher Lageverbundsystem) für den Datenaustausch ­zwischen den Systemen zugunsten einer möglichst exakten Darstellung der Gesamtlage. Innerhalb dieses dritten Teilprojektes wird auch geklärt, wie das veraltete Alarmierungs- und Meldungsvermittlungssystem VULPUS funktionell abgelöst werden kann.

Mit der neuen Organisation von SDVS als Programm sollen «die zahlreichen und unterschiedlichen Abhängigkeiten mit anderen Geschäftsfeldern und Projekten des BABS besser berücksichtigt werden». Klar ist aber: Es dauert länger und es braucht mehr Personal, welches derzeit rekrutiert wird. Auch wenn das BABS betont, «die Erschliessung der kantonalen SDVS-Standorte bis Ende 2023 geniesst weiterhin hohe Priorität», spricht niemand mehr von einem pünkt­lichen Rollout.

MSK

2018 startete das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Auftrag des Bundes mit der Evaluation eines mobilen sicheren Kommunikationssystems (MSK). 2019 wurden unter Führung der Eidgenössischen Kommission für Telematik im Bereich Rettung und Sicherheit (Kom Tm BORS) umfangreiche Konsultationen mit involvierten Organisationen getätigt und der «Ergebnisbericht Synergien MSK» erstellt. Am 29. Januar 2020 beauftragte der Bundesrat das VBS mit der Durchführung eines Pilotprojekts. Dieses wird vom BABS koordiniert, soll bis 2023 dauern und in einen Antrag zu Händen des Bundesrats münden. Bis Mitte 2022 soll zudem eine Detailstudie verfasst werden, welche die Bedürfnisse der Nutzerorganisationen und Antworten der Mobilfunkbetreiber auf zentrale Fragen aufzeigt.

Involviert in das Pilotprojekt MSK sind zahlreiche Bundes- und Kantonsstellen: das Bundesamt für Polizei (fedpol), der Nachrichtendienst des Bundes (NDB), die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV), die Führungsunterstützungsbasis und das Kommando Operationen der Armee, interessierte BKI, die öffentlichen Mobilfunkbetreiber sowie die Bundesämter für Strassen (ASTRA), Energie (BFE) und Kommunikation (BAKOM). Letzteres vergibt seit 1. Januar 2021 kostenlos Funkversuchskonzessionen (PPDR-Frequenzen) an BORS, welche diese für ihre Tests nutzen können.

Zur Beschleunigung des Projekts wurde unlängst die Projektorganisation angepasst und ein interkantonales Projekt unter Führung von Matthias Stähli, Delegierter Vertreter KKPKS im Projekt MSK, lanciert. In diesem sollen kantonal lancierte Aktivitäten wie Proof of Concepts koordiniert und konsolidiert werden.

© VBS, Raphael FalchiIm Katastrophenfall oder anderen aussergewöhnlichen Lagen sind die Krisenstäbe nicht nur auf mobile Kommunikation, sondern auch auf ein exaktes Lagebild angewiesen. Das Projekt SDVS soll dafür die Grundlagen schaffen.Im Katastrophenfall oder anderen aussergewöhnlichen Lagen sind die Krisenstäbe nicht nur auf mobile Kommunikation, sondern auch auf ein exaktes Lagebild angewiesen. Das Projekt SDVS soll dafür die Grundlagen schaffen.Proof of Concept «2-Geräte-Strategie»

Einen solchen Proof of Concept steuert die Kapo St.Gallen bei: die 2-Geräte-Strategie (2GS). Dabei handelt es sich um eine von der Atos Schweiz AG entwickelte App, mit der einzelne Funktionen des Polycom-Funksystems auf dem Smartphone nutzbar werden: Nach Starten der App können die Polycom-Funkgruppen angezeigt und ausgewählt werden. Via Push-to-talk-Funktion kann dann über Smart­phone mit den Teilnehmern der gewählten Funkgruppe kommuniziert werden.

Der Prototyp der App stiess am Schweizer Polizei-IT-Kongress SPIK 2019 auf viel Beachtung. 2020 hätte die fertige Version präsentiert werden sollen – doch der SPIK 2020 fiel der Corona-Pandemie zum Opfer. Nichtsdestotrotz wurden die Entwicklungen an der 2GS-App im Grundsatz abgeschlossen – und Ende 2020 übergab die Kapo SG die Koordination des Projekts ans BABS, das nun die Weiterentwicklung vorantreibt, mit dem Ziel, die App landesweit nutzbar zu machen. Peter Wüthrich, Chef Geschäftsbereich Telematik des BABS, kündigte in diesem Zusammenhang an, dass «das BABS die Koordination der weiteren Entwicklungsschritte übernimmt, mit dem Ziel einer Lösung, die schweizweit von allen Nutzergruppen des Polycom-Systems angewendet werden kann». Dabei sind auch Feldtests vorgesehen. Die dort gesammelten Erfahrungen sollen dann im Pilotprojekt MSK genutzt werden.

Mehr Informationen zur 2-Geräte-Strategie liefert eine Videobotschaft auf der Website des SPIK 2021 (www.spik.ch), der am Dienstag, 11. Mai 2021, stattfinden wird – erstmals in seiner Geschichte virtuell. Zudem wird Blaulicht in einer der kommenden Ausgaben berichten, wie die Feldtests mit der 2GS-App verliefen – und wie es mit den Projekten WEP 2030, MSK und SDVS weitergehen wird.

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Mobile Kommunikation ist für Einsatzkräfte essenziell – auch in Krisenlagen oder wenn das bestehende Mobilfunknetz überlastet ist. Der Bund treibt aktuell drei Projekte voran. Dabei läuft nicht alles wie geplant. Blaulichtorganisationen wie Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz und Rettungsdienste, aber auch Betreiber/-innen kritischer Infrastrukturen (BKI) und das Militär müssen jederzeit...
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