Im Appenzellerland, in Oberegg-Reute, ticken die Uhren bis heute beschaulich. Doch die dortigen Feuerwehrleute haben die Nase vorn. Das zeigt ein Blick in ihre Garage, in der zwei aussergewöhnliche Einsatzfahrzeuge stehen.

© Jörg RothweilerMarcel Brandes, Kommandant der Feuerwehr Oberegg-Reute, demonstriert, wie einfach und schnell sich die Motorspritze von nur einer Person mit dem Kran auf- und abladen lässt.Marcel Brandes, Kommandant der Feuerwehr Oberegg-Reute, demonstriert, wie einfach und schnell sich die Motorspritze von nur einer Person mit dem Kran auf- und abladen lässt.Viele Feuerwehren kennen das Problem: Für den Transport der Motorspritze braucht es einen Anhänger – und am Einsatzort mehrere starke Männer, um sie abzuladen. Die Feuerwehr Oberegg-Reute, welche die Motorspritze nicht selten benötigt, löst die Herausforderung mit einer Individualanfertigung der Carrosserie Rusterholz AG: Die Motorspritze reist huckepack! Auf jenem Pick-up, der sie von 2013 bis Februar 2020 auf dem Anhänger zum Einsatzort gezogen hat.

Die Idee dazu kam Pascal Breu, von 2010 bis Ende 2019 Kommandant der Feuerwehr Oberegg-Reute, vor rund eineinhalb Jahren – nach einem Einsatz im tiefsten Winter: «Wir fuhren auf einer schneebedeckten Bergstrasse talwärts und in jeder noch so kleinen Kurve drückte und stiess der schwere Anhänger wieder einmal derart heftig, dass wir mehrfach Gefahr liefen, dass er die aufgrund der leeren Ladebrücke nur wenig belastete Hinterachse aus der Spur drängt – und wir im Strassengraben landen. Da überlegte ich, wie fein es doch wäre, wenn wir die Motorspritze direkt auf der Lade­fläche des Pick-ups transportieren könnten.»
Mit einer solchen Lösung, überlegte Breu, wären gleich drei Probleme auf einmal gelöst: «Erstens sorgt die auf der Lade­fläche platzierte Motorspritze für viel mehr Last auf der Hinterachse des Pick-ups, was dessen Fahrverhalten insbesondere auf Schnee, Eis oder Matsch markant verbessern sollte. Zweitens wäre das Problem, dass der stossende, schwere Anhänger auf Bergab-Passagen das Heck des Pickups zusätzlich zum Ausbrechen drängt, beseitigt. Und drittens könnte man ja einen Kran montieren. So wäre eine einzelne Person in der Lage, die Motorspritze nicht nur zu transportieren, sondern auch ab- und aufzuladen – sicher und bequem.»

Ein TLF mit pfiffigen Details

© Jörg RothweilerJeder Millimeter Platz ist perfekt genutzt: In den Boxen links und rechts der Motorspritze lagert das gesamte Zubehör, der Kran schmiegt sich eng an die Fahrerkabine.Jeder Millimeter Platz ist perfekt genutzt: In den Boxen links und rechts der Motorspritze lagert das gesamte Zubehör, der Kran schmiegt sich eng an die Fahrerkabine.In den Wochen nach der denkwürdigen Rutschpartie feilte Pascal Breu mit seinem Kollegen Marcel Brandes, seit 16 Jahren aktiver Angehöriger der Feuerwehr Oberegg-Reute und seit Anfang 2020 Breus Nachfolger als deren Kommandant, an der Idee. Gemeinsam konkretisierten sie den Plan, erstellten ein grundlegendes Pflichtenheft und machten sich auf die Suche nach einem geeigneten Partner für den geplanten Umbau. «Diesen fanden wir in der Carrosserie Rusterholz AG, welche bereits unser Anfang 2019 beschafftes TLF gebaut hat», erklärt Marcel Brandes – und zeigt auf den glänzenden Volvo FLD8 4x4 mit 280-PS-Motor, dessen Aufbau über gleich mehrere wegweisende Lösungen verfügt.

Besonders beeindruckend ist der hydraulische Lift, mit dessen Hilfe die zwei federleichten Karbonleitern per Knopfdruck sekundenschnell seitlich am Fahrzeug heruntergelassen werden können – bis auf Niveau «Bauch/Brustkorb» einer erwachsenen Person. «Selbst zierliche Feuerwehrfrauen können aus dieser Position sowohl die zwei- als auch die dreiteilige Leiter bequem und sicher entnehmen und zum Einsatzort tragen», erklärt Brandes – und lässt die Leitern wieder aufs Dach hochfahren. Dann öffnet er die linke Seite des TLF. Dabei fällt auf: Statt klassischer Rollläden sind nach oben und unten schwenkende Klappen montiert. «Die sind leicht, aber nahezu unzerstörbar, besonders schnell zu öffnen und sie klemmen nie. Hochgeklappt schützen sie unsere Leute und auch die Ausrüstung gegen Regen, he­rabfallende Glutstücke oder starke Sonneneinstrahlung», sagt Brandes. Zudem sorgen in den Klappen eingebaute LED-Lampen für blendfreies, sehr helles Licht rund ums Fahrzeug sowie in den Ablagefächern des Aufbaus.

In einem der Fächer, vergleichsweise weit oben, ruht ein mächtiger Lüfter. Brandes tritt heran, entriegelt einen Hebel. Der Lüfter wird leicht angehoben, gleitet an zwei Schienen aus dem Fahrzeug und dann an Stahlseilen gut kontrollierbar zu Boden – per Hydrauliklift. «Wie der Leiterlift erleichtert auch diese Hebe- und Absenkvorrichtung die Arbeit. Zudem steigt die Arbeitssicherheit. Trotz Einmannbedienbarkeit gehören übermässige Belastungen von Rücken, Bändern und Gelenken durch schwere Hebe- oder Kletterarbeiten rund ums Fahrzeug der Vergangenheit an», erklärt Brandes.

© Jörg RothweilerDie beiden Karbonleitern sind besonders leicht und gleiten auf Knopfdruck via Hydrauliklift vom Fahrzeugdach bis auf etwa Brust­höhe herunter.Die beiden Karbonleitern sind besonders leicht und gleiten auf Knopfdruck via Hydrauliklift vom Fahrzeugdach bis auf etwa Brust­höhe herunter.Auf die Frage, ob das obligatorische Stromaggregat auf der anderen Seite sei, schmunzelt er nur – und deutet in die Tiefen des Aufbaus: «Nein. Das 13-kW-Stromaggregat ist im Zentrum des Aufbaus platziert. So haben wir links und rechts im Aufbau, wo der Zugriff schnell und einfach möglich ist, maximal viel Stauraum für die Ausrüstung. Mehr als auf jedem bisherigen TLF. Überdies ist der Lärm des Aggregats fast nicht wahrnehmbar.»

Weitere sinnvolle Details des Fahrzeuges sind die lange vor der Coronakrise erdachte Desinfektionsstation inklusive jederzeit fliessend Frischwasser hinten links am Fahrzeug sowie die blitzschnell zugänglichen, am Fahrzeugheck direkt neben den beiden Anschlussstutzen unter der Stossstange platzierten «ersten» Schlauchlängen mit Schieber.

Huckepack-Lösung vom TLF-Lieferanten

Vom TLF geht es hinüber ans andere Ende der Garage. Dort steht der Nissan Navara Pick-up mit der Huckepack-Lösung. Er wurde ursprünglich von der Tony Brändle AG als Transportfahrzeug aufgebaut und 2013 an die Feuerwehr Oberegg-Reute geliefert – ergänzend zu einem baugleichen, bereits seit 2010 im Einsatz stehenden Pick-up. Am jüngeren der beiden Fahrzeuge legte Ende 2019 die Carrosserie Rusterholz AG Hand an – und montierte auf dessen Ladebereich eine Lösung für den Motorspritzentransport, die alle Vorgaben des ehemaligen und des aktuellen Kommandanten der Feuerwehr Oberegg-Reute erfüllt.

Zwei stabile, aus Riffelstahlblech gefertigte Stauboxen links und rechts auf der Fahrzeugbrücke schlucken die gesamte zur Motorspritze gehörige Ausrüstung, von Verteilern über Druckreduzier- und Anschlussstutzen bis hin zu den bei Arbeiten an fliessenden Gewässern obligatorischen Schwimm­westen. Hinter der Fahrerkabine ragt ein kompakter hydraulischer Kran in die Höhe. Zwischen diesem und den Boxen steht, zentimetergenau eingepasst, die Motorspritze. «Mithilfe des Krans, der über eine Hebelstation auf der rechen Fahrzeugseite bedient wird, kann eine Einzelperson die rund 300 kg schwere Vogt-Typ-2-Motorspritze sicher, einfach und innert Sekunden anheben und seitlich oder hinter dem Fahrzeug abladen», erklärt Marcel Brandes – und führt es gleich einmal vor. Keine 30 Sekunden nach dem ersten Zug seiner Hand am Steuerhebel des Krans steht die Motorspritze neben dem Fahrzeug auf dem Asphalt. Das klappt tadellos und kinderleicht.

Ebenso einfach gelingt das Wiederaufladen: Kranhaken am Gestell einhängen, Motorspritze anheben, seitlich übers Fahrzeugheck schwenken, absetzen – fertig. Dabei ist die Hilfestellung einer zweiten Person, die ein Rotieren der am Kranhaken schwebenden Pumpe verhindert, sinnvoll. «Doch nötigenfalls gelingt es auch allein», versichert Marcel ­Brandes.

Einfacher, bequemer und deutlich sicherer

© Jörg RothweilerPfiffig: Der schwere Lüfter wird mithilfe von zwei Schubleisten und einem Hydrauliklift aus dem TLF entnommen – ganz einfach und körperschonend.Pfiffig: Der schwere Lüfter wird mithilfe von zwei Schubleisten und einem Hydrauliklift aus dem TLF entnommen – ganz einfach und körperschonend.Zum Nulltarif war die Individuallösung natürlich nicht zu haben. Brandes spricht von rund 20‘000 Franken, welche investiert wurden – ziemlich genau der Erlös aus dem Verkauf des ehemaligen TLF. Doch er ist überzeugt: Die Investition war richtig. «In unserem grossen, topografisch teils schwierigen Einsatzgebiet mit Höhenlagen zwischen 350 und 1250 Metern ü. d. M. bedeutet der Verzicht auf einen Anhänger eine grosse Erleichterung. Speziell im Winter, wenn jede Anhängerfahrt zusätzliche Risiken birgt, sind wir schneller und sicherer unterwegs. Zudem ist alles, was einst im Anhänger lagerte, mit an Bord – und darüber hinaus sogar noch ein Schwimmseier. Dennoch bietet das Fahrzeug weiterhin Platz für fünf Personen und es waren keine Fahrwerksmodifikationen nötig.»

Ein weiterer Vorteil: Benötigt der Zivilschutz das Fahrzeug für Transporte, werden die Stauraumboxen mit wenigen Handgriffen demontiert und zusammen mit der Pumpe im Depot abgestellt. «Dann müssen wir nur noch die Aluminiumseitenladen der Ladebrücke einstecken – und schon kann der Pick-up wieder so verwendet werden, wie er von der Tony Brändle AG einst konzipiert worden ist», sagt Brandes. Sein zufriedenes Lächeln beweist: Hier ist ein Feuerwehrkommandant mehr als zufrieden mit seinem Arbeitsgerät.

Feuerwehren, die Interesse an weiteren Informationen zur «Huckepack-Lösung» für die Motorspritze oder zum TLF der Feuerwehr Oberegg-Reute haben, wenden sich an Kommandant Marcel Brandes (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) oder an die Carrosserie Rusterholz AG, 8805 Richterswil, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.carr-rusterholz.ch.

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