© Jörg RothweilerTatortreinigungen wie hier direkt am Leichenfundort erfordern körperlichen Einsatz, Sachverstand, die richtigen Einsatzmittel und eine hohe Ekelgrenze.Tatortreinigungen wie hier direkt am Leichenfundort erfordern körperlichen Einsatz, Sachverstand, die richtigen Einsatzmittel und eine hohe Ekelgrenze.Suizide, Arbeitsunfälle, Gewaltverbrechen, Leichen­fund­orte und Messiewohnungen: Tatort­reiniger putzen, wo es anderen den Magen umdreht. Effizient und nach klaren Regeln. Wir haben sie einen Tag lang begleitet.

Frühmorgens läutet das Smartphone. «In einer Stunde. Die Adresse schicke ich dir per SMS», sagt Paul Tedde, Prokurist und Projektleiter der CSC Desinfektion und Tatortreinigung GmbH aus Pratteln. Schlagartig weicht jede Müdigkeit. Der Puls pocht. Heute also. Vor-Ort-Reportage mit den Tatortreinigern.

Ein schneller Kaffee – mehr nicht. Wer weiss, wie die persönliche Psyche und vor allem der Magen auf die Bilder, Gerüche, Eindrücke und Schilderungen reagieren werden? Die Lichter des Wagens zerschneiden die Dunkelheit, strömender Regen prasselt auf die Windschutzscheibe. Der Himmel weint – und nicht nur er ...

Doch dazu später. Bereits ist der Treffpunkt in einem Wohnquartier im Norden Zürichs erreicht. Paul Tedde und Adrian Guggenbichler, Geschäftsführer der CSC Desinfektion und Tatortreinigung GmbH, warten schon im Regen. «Da oben», sagt Adrian und deutet auf einen Dachstock, «hat eine Person Suizid verübt. Wir werden den Tatort reinigen, desinfizieren und wiederherrichten.» Auf dem Weg zum Haus nennt er weitere Fakten. Ohne Details oder gar Namen. Diskretion ist essenziell in seinem Job. «Das Opfer hat sich erschossen. Vor rund zwei Wochen. Doch erst heute fühlt sich die angehörige Person in der Lage, uns zu empfangen.

Blut und Körpersäfte hinterlassen schändlich schlimme Spuren

Eine so lange Zeit seit der Tat und hohe Temperaturen machen die Arbeit für die Tatortreiniger schwieriger. Blut und Körperflüssigkeiten hatten Zeit, in Böden, Wände oder Möbel einzudringen. Zudem sind die Verwesungsprozesse fortgeschritten. «Altbauten sind dabei besonders heikel», weiss Adrian. «Liegen Tote längere Zeit, scheiden sie Flüssig­keit aus. Dieser Leichensaft sickert durch jede Ritze, durchdringt Textilien, Dämmungen und Holz.» «Leichenbrand» stinkt erbärmlich, ist potenziell infektiös – und nur auf Glas oder Keramik ohne «mechanische Massnahmen» entfernbar. In porösen Materialien, auch Beton, Estrich und Kachelfugen, hinterlässt er, nicht zuletzt wegen des Eisengehalts von Blut, unweigerlich farbliche Veränderungen. Mit Leichen­saft kontaminierte Textilböden, Tapeten, Mauerwerk, Parkett oder Holzbalken müssen abgeschliffen, ausgefräst oder entfernt werden. Ist das nicht möglich, etwa bei tragenden Holzkonstruktionen, muss entfernt werden was geht, und allfällige Reste dauerhaft luftdicht versiegelt werden, etwa durch einen Bitumenüberzug.

Ein «unerwartet sauberer» Suizid-Tatort

© Jörg Rothweiler© Jörg RothweilerNach getaner Arbeit ist von dem Leichenbrand nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu riechen und auch alle eventuell vorhandenen infektiösen Stoffe wurden vernichtet.Nach getaner Arbeit ist von dem Leichenbrand nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu riechen und auch alle eventuell vorhandenen infektiösen Stoffe wurden vernichtet.An diesem Tatort ist es gottlob nicht so schlimm. Das Opfer erschoss sich in einem Raum mit Betonboden und mit einer wohl kleinkalibrigen Waffe. Wände, Decke und Balken sind unbefleckt, die von der angehörigen Person abgedeckte Blutlache ist verblüffend klein. «Ganz anders würde es aussehen, wäre eine Armeewaffe oder gar eine Schrotflinte zum Einsatz gekommen, womöglich bei mit Wasser gefülltem Mund. Wände, Decken, Böden – alles wäre mit feinst verteiltem Blut, Knochen-, Gewebe- und Organbestandteilen bedeckt. Dann wird es mühsam», weiss Adrian Guggen­bichler.

Paul Tedde erklärt der angehörigen Person, was die Tatortreiniger tun müssen – und fragt, welche «optischen Massnahmen» bezüglich im Estrichbelag zurückbleibender Farb­unterschiede erwünscht sind. Dann beginnt die Arbeit der Spezialisten. Sie werden das Blut mit Spezialreiniger einweichen, aufschäumen und aufsaugen sowie die Fläche tiefenwirksam desinfizieren. Zu guter Letzt werden sie den Raum mithilfe einer Spezialmaschine mit einem Wasserstoffperoxid-haltigen Aerosol vernebeln – für eine Dauer von mindestens zwölf Stunden. Keime, Bakterien, Pilzsporen, Viren und andere potenziell gesundheitsgefährdende Organismen werden dabei zuverlässig vernichtet.

Katastrophenszenario nach einem Arbeitsunfall

© Jörg RothweilerTrotz Gasmaske: Die Reinigung stark verschmutzter Toiletten ist nichts für Menschen mit schwachem Magen.Trotz Gasmaske: Die Reinigung stark verschmutzter Toiletten ist nichts für Menschen mit schwachem Magen.Paul reist derweil weiter. In einem Nachbarkanton haben am Vortag von einem Kran abstürzende Verschalungsteile einen jungen Bauarbeiter erschlagen. Pauls Team soll den Unfallort reinigen – und stösst vor Ort auf eine komplexe Lage: Seit Stunden niedergehender Regen hat Blut und Körperflüssigkeiten grossflächig verteilt, in Ritzen sowie eventuell Rohre, Kanäle oder gar andere Geschossebenen des Rohbaus gespült. Zudem gilt es, kleinere Gewebe- und Organteile aufzuspüren und zu entfernen.

Der tief geschockte und betroffene Bauführer zeigt Paul, der nun von Adrians Bruder André Guggenbichler, stell­vertretender Geschäftsführer des Familienunter­nehmens, und einem weiteren Mitarbeitenden begleitet wird, den Unfallort. So rasch als möglich zieht er sich wieder zurück – in die einsame Sicherheit, die ihm sein Baucontainer jetzt bietet. Später, beim Erledigen der Formalitäten, hält es der grauhaarige Hüne dann nicht mehr aus – bedeckt die tränenerfüllten Augen mit den Händen. «Nicht nur der Himmel weint heute», zuckt es im Kopf. Paul bleibt sachlich, beruhigt die Situation mit wenigen sanften, wohl gewählten Worten. Danach verabschiedet er sich – der nächste Fall wartet. Der Blick des Bauleiters folgt ihm, die Augen so feucht wie die Strasse vor Pauls Motorhaube.

In Vollmontur zum Leichenfundort

Am dritten Einsatzort, gut eine Autostunde südwestlich der Baustelle, auf der André und sein Kollege mit enormen Mengen saugfähigem Spezialgranulat, Industriesauger und viel Handarbeit dem Regen trotzen und alle Spuren des Unfalls beseitigen werden, packt Paul Tedde aus, was er allen Blaulichtkräften als «Grundausrüstung für den Tatort» empfiehlt: Mundschutz, Füsslinge und Einweghandschuhe. Denn er muss nun eine Wohnung betreten, in der während rund einer Woche die Leiche einer älteren Person lag. Diese war – so der Bericht der Einsatzkräfte, die den Tatort zuvor begutachtet, alle Spuren gesichert und die Leiche abtransportiert hatten – in der Toilette eines natürlichen Todes gestorben und hatte in ihren Räumen «sehr viele Dinge angesammelt».

© Jörg RothweilerDer Kühlschrank war gottlob in Betrieb. So gestaltet sich die Räumung einfach und vergleichsweise angenehm.Der Kühlschrank war gottlob in Betrieb. So gestaltet sich die Räumung einfach und vergleichsweise angenehm.Paul Tedde ist auf das Schlimmste vorbereitet: eine Messie­wohnung voller Insekten, Gestank und einen durch Leichenbrand verwüsteten Fundort. Doch nach vorsichtigem Schnuppern durch die spaltbreit geöffnete Türe gibt er Entwarnung: «Halb so wild!»

Der Augenschein ergibt: Der Körper der verstorbenen Person lag auf einem mit intakten und glatten Fugen versehenen Plattenboden und hinterliess nur wenig Leichenbrand. Die Toilette ist mit Fäkalien verschmutzt, in der Küche und im Kühlschrank liegen verdorbene Lebensmittel. Die Fruchtfliegen feiern ein Fest. Überall stapeln sich Karton, Papier, Schachteln, Büchsen und an Türfallen, Schrankknöpfen und Schubladen hängen Hunderte Tüten mit unbekannten Inhalten. Über allem schwebt ein süsslich-modriger Gestank, der nur dank Atemmaske auszuhalten ist.

Mit den Angehörigen wird eine «Erstbehandlung» vereinbart: Der Leichenfundort im Bad und die Toilette werden gereinigt und desinfiziert. Alle Räume, Möbelstücke, Kartons und Tüten werden durchsucht, sämtliche Esswaren sowie potenziell gesundheitsgefährdendes Material, etwa getragene Kleidung, entsorgt. Dann können die Angehörigen einen Augenschein nehmen, ehe die Wohnung über Nacht vernebelt wird.

Leichenbrand entfernen und alles Verderbliche entsorgen

Den Leichenfundort reinigt ein Mitarbeitender – in Schutz­anzug und Gasmaske. Zuerst rückt er dem WC, dann dem Boden mit Spezialreinigungsmitteln, Spachteln, Bürsten und Muskelkraft zu Leibe. Als er die auf den Platten haftenden Haare der verstorbenen Person zusammenkratzt, meldet sich der Magen ...

© Jörg RothweilerIn der Küche und im Wohnraum der verstorbenen Person ist jeder freie Quadratzentimeter Fläche mit Schachteln, Lebensmitteln, Tüten und anderen Dingen vollgestellt. Alles muss akribisch durchsucht und sortiert werden.In der Küche und im Wohnraum der verstorbenen Person ist jeder freie Quadratzentimeter Fläche mit Schachteln, Lebensmitteln, Tüten und anderen Dingen vollgestellt. Alles muss akribisch durchsucht und sortiert werden.Flucht in die Küche. Dort hat der Kollege die mit Schnüren aufgespannten Müllsäcke bereits entsorgt. Nun durch­forstet er den Kühlschrank, danach Schränke und Schubladen. «Fast schon typisch», sagt er – und deutet auf die offenen Klappen von Mülleimer und Geschirrspüler. «Beides kaum je benutzt!»

Im Wohnraum, auf dem Tisch (doch, es muss einer da sein, Dinge schweben nicht) türmen sich unzählige Papiere und Schachteln, rundherum stapelt sich das Material fast meter­hoch. Dasselbe Bild bietet sich in den anderen Räumen. Alles wird akribisch durchsucht, überall finden sich Esswaren. Erst nach vier Stunden Sisyphusarbeit sind alle Räume «geklärt» – und doch keinesfalls aufgeräumt. Mehr als zwei Dutzend grosse, randvolle Müllsäcke wandern direkt in die Verbrennung.

Gewissenhaftigkeit und Dankbarkeit

Aufgespürte Dokumente, Briefe, Wert­sachen und Bargeldfunde legen die Tatortreiniger gut ersichtlich an einen zentralen Ort. Dann werden die Böden der zwischen­zeitlich gut durchgelüfteten Räume nochmals feucht gereinigt und ebenso desinfiziert wie Wände und Türen.

Nun können die Angehörigen die Wohnung betreten – zwar mit Atemmasken, aber ohne Furcht, dass ihnen übel wird. Zufrieden und dankbar nehmen sie Kenntnis von der «aufgeräumten Unordnung» und – vor allem – vom blitzblanken Boden am Fundort. Dieser zeugt von der Gewissenhaftigkeit, mit der die Tatortreiniger zu Werke gingen. Morgen, wenn die Vernebelung gewirkt hat, werden sie wiederkommen, um all das zu sichten, was die Tatortreiniger nicht zu entsorgen brauchten. «Das wird viel Zeit kosten, Erinnerungen und Gedanken wecken», sagt eine der angehörigen Personen. «Aber es wird uns auch helfen, zu verstehen und Abschied zu nehmen.»

Versöhnliche Zeichen vom Himmel

Auf der Heimreise – es ist bereits wieder dunkel – schlägt irgendwann kein Regen mehr gegen die Frontscheibe. Der Himmel hat aufgehört zu weinen. Der Bauführer, dessen Schluchzen mir nachgeht, hoffentlich auch.

 

CSC Desinfektion und Tatortreinigung GmbH

Die CSC Desinfektion und Tatortreinigung GmbH mit Sitz in Pratteln wurde 2016 von Adrian Guggenbichler (Geschäftsführer) und dessen Bruder André (stv. Geschäftsführer) gegründet. Auch Schwester Anja (Administration und Kundendienst), Paul Tedde (Prokurist und Projektleiter) sowie mehrere Festangestellte und einige Teilzeit-Aushilfen gehören zum Team. Der Familien­betrieb ist auf Tatortreinigungen (Suizid, Gewalt­verbrechen, Unfälle, Leichenfundorte etc.), (Spezial-)Räumungen (Messiewohnungen, Tierhortung, Mietnomaden u. a.) sowie Desinfektion und Gutachten spezialisiert. Kontakt und Informationen: www.csc-tatortreinigung.ch.

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