Rund 2´100 Angehörige des Grenzwacht­­­­korps (GWK) sichern 1´935 Kilometer Landes­grenze. An jener zu Deutschland sind sie mit Kräften der deutschen Bundespolizei in «gemeinsamen operativen Dienstgruppen» (GoD) unterwegs. Ein Modell mit grosser Zukunft, wie ein Augenschein vor Ort zeigt.

© Jörg RothweilerEine Streife der GoD im Einsatz: Während Philippe Bärtschi das Gepäck eines Reisenden kontrolliert, erledigt Alexandra Meyer die Abfrage seines Asylstatus in Deutschland – mobil, innert Minuten.Eine Streife der GoD im Einsatz: Während Philippe Bärtschi das Gepäck eines Reisenden kontrolliert, erledigt Alexandra Meyer die Abfrage seines Asylstatus in Deutschland – mobil, innert Minuten.Die Landesgrenze zwischen Deutschland und der Schweiz erstreckt sich über weit mehr als 300 Kilometer. Zahlreiche Grenzübergänge, Strassen, Feldwege, grenzüberschreitende Bahnlinien, Flüsse, teils unzugängliche Natur und natürlich der Bodensee machen die Überwachung zur Herausforderung. Das wissen auch Schmuggler, Schleuser, ille­gale Migranten und Kriminelle. Diese aufzuspüren und festzusetzen, ist Aufgabe der deutschen Bundespolizei auf der einen und der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) auf der anderen Seite.

Basierend auf dem schweizerisch-deutschen Polizeivertrag existiert seit 17 Jahren eine enge polizeiliche Kooperation, zu der seit 2015 auch zwei gemeinsame operative Dienstgruppen (GoD) zwischen der Grenzwachtregion I (GWK
Reg I, Basel) und der Bundespolizeiinspektion (BPOLI) Weil am Rhein sowie zwischen der GWK Reg II (Schaffhausen) und der BPOLI Konstanz zählen. In letzterer leisten Philippe Bärtschi, seit 29 Jahren Grenzwächter, und Alexandra Meyer, seit 28 Jahren Angehörige der deutschen Bundespolizei, Dienst. Das Duo ist regelmässig als 1:1-Patrouille entlang beider Seiten der Landesgrenze unterwegs – auch heute.

Wie an jedem Tag beginnt die Schicht der GoD mit dem Austausch der aktuellen Lage im jeweiligen Einsatzraum.
Alexandra Meyer informiert Philippe Bärtschi, dass in Deutschland ein Türke gesucht wird, der eine Person getötet hat und vermutlich ins Ausland flüchten will. Anhand dieser und anderer Informationen erstellen beide einen groben Einsatzplan. Zudem klären sie, wo andere Patrouillen beider Seiten aktiv sind und melden sich, bei den Einsatzleitzentralen an. Kurz nach zehn Uhr brechen sie im Dienst­wagen auf, um Strassen, Parkplätze, Wege, Plätze, Bahnhöfe, Züge und Fährverbindungen zu kontrollieren – auch jene von Friedrichshafen nach Romanshorn.

© Jörg RothweilerAuch «Dienst an Kunden und Touristen» gehört zum Alltag einer GoD-Streife: Die Beamten erklären einem älteren Paar, dass Tickets an Bord der Fähre erhältlich sind.Auch «Dienst an Kunden und Touristen» gehört zum Alltag einer GoD-Streife: Die Beamten erklären einem älteren Paar, dass Tickets an Bord der Fähre erhältlich sind.Minuten vor deren Ankunft erreichen sie das Hafengelände. Philippe Bärtschi springt aus dem Auto: «Übernimm du den fahrenden Verkehr, ich kümmere mich um die Fussgänger und Velofahrer.» Bereits unterwegs zur Rampe der Fähre dreht er sich nochmals um: «Und halte den BMW mit Wiesbadner Nummer an. Den nehmen wir unter die Lupe!» Schon bei der Einfahrt aufs Hafengelände hatte er gemurmelt: «Schau mal. Ein Mietwagen. Blitzsauber. Tief in den Federn hängend. Junger Fahrer, ältere Beifahrerin, getönte Scheiben.» Die deutsche Kollegin kennt das. «Sein Instinkt ist sprichwörtlich. Er hat Augen wie ein Luchs, eine Nase wie ein Bluthund – und enorm viel Erfahrung.»

Bei den Fussgängern wird Philippe Bärtschi nicht fündig, auch bei den Lkw und einem Wohnmobil, das er zwecks Kontrolle der pauschalen Schwerlastverkehrsabgabe (PSVA) herauswinkt, ist alles in Ordnung. «Leichtbau. Keine 3,5 Tonnen», konstatiert Bärtschi knapp. Also her mit dem BMW! Während Philippe Bärtschi die Mietwagenunterlagen kon­trolliert, macht Alexandra Meyer zuerst eine Halterabfrage und dann eine Personenabfrage zu den deutschen Insassen. Philippe Bärtschi checkt gleichzeitig die Identitäten der Mitreisenden, allesamt Schweizer Staatsangehörige. Kurz darauf gibt er den Weg frei. «Alles in Ordnung! Merci vielmol und einen schönen Tag auf der E-Bike-Messe in Friedrichshafen!» Die BMW-Insassen werden dort pünktlich ankommen, denn auf ein Zeichen der Bundespolizistin hat die Fähre auf den Wagen gewartet.

Während dieser zur Fähre rollt, eilt Bärtschi schnellen Schrittes wieder zur Rampe. Zwei Männer wollen «auf den letzten Drücker» und mit reichlich Gepäck die Fähre entern. Doch das geht erst, nachdem sie ihre Ausweise vorgezeigt haben – was einen der beiden ziemlich nervös werden lässt. Den Grund hat Alexandra Meyer anhand einer neuerlichen Abfrage schnell eruiert: Der junge Mann ist in Deutschland zweifach aktenkundig. Doch weil akut nichts gegen ihn vorliegt, dürfen er und sein Begleiter an Bord der Fähre gehen.

© Jörg RothweilerPhilippe Bärtschi zeigt den Schnelltest, den er vom mitgeführten Material eines jungen Mannes gemacht hat. Das Resultat ist eindeutig.Philippe Bärtschi zeigt den Schnelltest, den er vom mitgeführten Material eines jungen Mannes gemacht hat. Das Resultat ist eindeutig.Die Zeit bis zur Ankunft der nächsten Fähre nutzt das «gemischte Doppel» für eine Bahnkontrolle. Innert Minuten erreichen sie den Bahnhof, springen als Letzte in den Zug, arbeiten sich dort durch die Reihen. Die Fahrgäste nehmen die Kontrollen gelassen – auch wenn diese «jetzt doch sehr überraschend» gekommen sei, wie eine Dame erklärt. Als Bärtschi einen Mann mit schütterem Haarkranz entdeckt, winkt er seine Kollegin zu sich. «Da brauche ich dich», raunt er ihr zu – und geht zu dem Fahrgast. Dieser zeigt einen «blauen Schein» vom Bundesasylzentrum in Kreuzlingen vor, der ihm die Reise nach St. Gallen, wohin er angeblich will, erlaubt. Bärtschi ist dennoch skeptisch. «Laut einer Abfrage von Alexandra hat er in Deutschland schon ein Asylverfahren durchlaufen. Dort gab er an, er sei Armenier. Später im Verfahren fiel ihm ein, dass er doch eigentlich Georgier sei. Mein Bauch sagt mir: Der hat in der Schweiz mehr vor, als nur durch St. Gallen zu spazieren.» Doch bei einer eingehenden Taschenkontrolle findet er keine weiteren Indizien ...

Dafür weckt plötzlich ein junger Mann, der im nächsten Wagen aufsteht, einige Schritte in unsere Richtung geht, umdreht und sich wieder setzt, seine Aufmerksamkeit. «Er trägt Drogen auf sich. Ich hab’s gerochen!», flüstert Bärtschi. «Wäre er sitzen geblieben, hätte ich es wohl nicht wahrgenommen. Aber er ist hypernervös, schwitzt, kann nicht ruhig sitzen ...» Als er die Ausweise des jungen Mannes seiner Begleiterin kontrolliert, konfrontiert Bärtschi die beiden mit seinem Verdacht. «Ich habe nichts. Sie können mich nackt ausziehen», sagt der Verdächtigte. «Wir werden das überprüfen», entgegnet Bärtschi – und der Jüngling wird noch nervöser.

In Romanshorn, auf dem Weg zum GWK-Büro, gibt er dann zu, «etwas eingesteckt zu haben». Bei einer Durchsuchung stellt Philippe Bärtschi etwas mehr als neun Gramm Marihuana und eine Mühle sicher. Seine deutsche Kollegin, welche die Begleiterin und deren Taschen kontrolliert, findet bei dieser nichts – ausser ein paar Krümeln Hundefutter. «Der junge Mann bleibt straffrei, weil er weniger als zehn Gramm dabeihatte. Die Drogen und die Mühle werden eingezogen», erklärt Bärtschi, der zur Abhandlung des Falls keine Polizei hinzuziehen muss. «Basierend auf Verwaltungsvereinbarungen mit zahlreichen Kantonen haben EZV-Mitarbeitende gewisse polizeiliche Befugnisse. Das schont Ressourcen bei der Polizei und steigert die Effizienz», erklärt er.

© Jörg Rothweiler04D GWK an Faehre 804D GWK an Faehre 8Diese Regelung findet er ebenso sinnvoll und zielführend wie den Einsatz von GoD. «Im Doppel können wir Abklärungen, etwa in nationalen Fahndungsdatenbanken, schneller und einfacher durchführen. Zudem sind wir aufgrund der hochflexiblen Einsatzplanungen sowie in Zivilkleidung durchgeführten Schleierfahndungen maximal unberechenbar für die Gegenseite. Sein deutscher Kollege Christian Werle, Mediensprecher der BPOLI Konstanz, stimmt ihm zu: «Zielsetzung der GOD Bodensee sind insbesondere die gemeinsame Gefahrenabwehr und Fahndung mit Blick auf die Kriminalitätsbekämpfung im grenzüberschreitenden Einsatzraum. Für die lagebildgesteuerten, bilateralen Einsatzmassnahmen werden die gemeinsam verfügbaren Ressourcen hier zielführend gebündelt. Ich bin überzeugt: Das jetzige Niveau der Zusammenarbeit ist nicht das Ende der Fahnenstange, sondern erst deren Anfang.»

Wenig später vermelden Philippe Bärtschi und Alexandra Meyer noch einen weiteren Erfolg: Auf der Rückfahrt nach Kreuzlingen können die beiden ein Fahrzeug mit rumänischem Kennzeichen anhalten, welches ausgeschrieben war, weil der Halter eine Verkehrsbusse nicht bezahlt hatte.

Die Erfolge, welche das «gemischte Doppel» innert dieses Vormittags erzielte, sind keine Einzelfälle. Sie zeigen: Im Kampf gegen international operierende Banden, Schleuser, Schlepper und Kriminelle ist eine enge internationale Kooperation eminent. Im Fall Schweiz und Deutschland umfasst diese neben Verbindungsbüros, regelmässigen Kontakten und einem intensiven Informationsaustausch sowie den zwei GoD auch regelmässige Grossfahndungen zu Land, zu Wasser und in der Luft – etwa in Form gemeinsamer Hubschraubersprungfahndungen auf beiden Staatsgebieten.

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