Zweieinhalb Jahre tüftelten Spezialisten unter der Ägide von Manfred Kinnast (MK-Med Medizintechnik AG), Dr. Axel Mann (Ärztlicher Leiter Air Zermatt) und Andreas Harms (Geschäftsführer PAX) am neuen Hubschrauberrettungssack für die Air Zermatt. Nun, nach Abschluss aller Zertifizierungen, nahmen wir diesen unter die Lupe – Praxistest inklusive.

© Jörg RothweilerManfred Kinnast und das Team der Air Zermatt bereiten unsere Testperson für den Flug im neuen Rettungssack vor.Manfred Kinnast und das Team der Air Zermatt bereiten unsere Testperson für den Flug im neuen Rettungssack vor.

«Mehr Anwendungssicherheit, mehr Komfort für die Patienten, mehr Schnelligkeit bei der Luftrettung – und keine Klettverschlüsse mehr» fasst Manfred Kinnast, Inhaber der MK-Med Medizintechnik AG in Raron, das Pflichtenheft für den neuen Rettungssack der Air Zermatt zusammen. Kinnast, der 1986 als Freelancer zu den «Luftrettern vom Matterhorn» stiess und zwei Jahrzehnte aktiv mitwirkte, weiss: Zwar ist ein Rettungssack zuallererst «nur» ein temporäres Hilfsmittel für die Luftrettung. Doch er ist auch ein medizintechnisches Produkt und muss stetig steigende Ansprüche erfüllen, vor allem punkto Zertifizierung. «Daher, und weil das bisher Verfügbare stets Kompromisse im Detail erforderte, beschlossen wir 2016: Jetzt entwickeln wir einen Rettungssack», erklärt Kinnast.

Höchstes Zertifizierungslevel erreicht

Heute, nach unzähligen Arbeitsstunden, Probeflügen und Tests mit zehn Prototypen, liegt der neue Rettungssack vor uns: Hülle aus desinfizierbarem, magensaftresistentem Cordura, innen liegendes Patientenbegurtungssystem, 200 Zentimeter lang, 70 Zentimeter breit, etwa 8,7 Kilogramm schwer, inklusive ebenfalls neu konstruierter Vakuummatratze und Schlaufen zur Fixierung an der Helikoptertrage. «Jedes Teil, also jede der zehn Struppen, die den Sack tragen, jeder Gurt und jede Verbindung sowie am Ende das Gesamtprodukt wurden geprüft und zertifiziert», erklärt Kinnast. «Nach den Normen für PSA (Persönliche Schutzausrüstung), Luftfahrtprodukte und ‹Human External Cargo›.» Damit ist der «Hubschrauberrettungssack HBRS» explizit zur Rettung von Menschen zugelassen.

© Jörg RothweilerDie Platzierung des «Opfers» gelingt dank der grossen Öffnung schnell und leicht. Gut zu erkennen ist die neu­artige Vakuummatratze mit dem klappbaren Kopfteil.Die Platzierung des «Opfers» gelingt dank der grossen Öffnung schnell und leicht. Gut zu erkennen ist die neu­artige Vakuummatratze mit dem klappbaren Kopfteil.

Entwickelt von Rettern für Retter

So zahlreich wie die Zertifikate sind die Detaillösungen des HBRS. Sie alle basieren auf reellen Bedürfnissen der Luftretter. «Ich habe 20 Jahre Erfahrung in der Luftrettung, fokussiere mit meiner Firma seit 1998 auf medizinisches Material für den Rettungseinsatz», erklärt Manfred Kinnast, der in Dr. Axel Mann, Leiter der Air Zermatt, und Andreas Harms, Geschäftsführer von PAX, zwei ebenfalls sehr kompetente Entwicklungspartner zur Seite hatte. «Zudem», betont er, «begleiteten die Spezialisten der Air Zermatt alle Praxistests. Auch ihr Wissen und ihre Wünsche flossen mit ein.»

Reissverschlüsse und verkürzbares Kopfteil

Einer der Wünsche lautete: Keine Klettverschlüsse! Zwar sind diese schnell und leicht zu schliessen, halten zuverlässig. Doch das schränzende Geräusch beim Öffnen ist «ein Stressfaktor für viele Verunfallte», weiss Kinnast. Zudem verschmutzen und verschleissen Klettverschlüsse eher rasch, können von einer Person allein nicht immer sauber geschlossen werden und haften auch da, wo sie nicht sollen. «Hakenklett zieht feinste Fäden aus dem Gewebe des Sacks, aber auch aus den Struppen – was diese langfristig schwächt», bemängelt Kinnast.

© Jörg RothweilerTrockenübung im Hangar: Die exakt bemessenen zehn Struppen und das verkürzbare Kopfteil sorgen für gute Balance und dafür, dass der Sack keine «Banane» macht.Trockenübung im Hangar: Die exakt bemessenen zehn Struppen und das verkürzbare Kopfteil sorgen für gute Balance und dafür, dass der Sack keine «Banane» macht.Der neue Rettungssack trägt stabile und doch leichtgängige Reissverschlüsse. Die sind teils wasserdicht und werden mit Haken gegen unbeabsichtigtes Öffnen gesichert, wobei die Farben von Zipper und zugehörigem Sicherungshaken korrespondieren. «Auch für die einzelnen Zurr- und Stellseile gibt es farbkombinierte Sicherungen», sagt Kinnast. Dann demonstriert er, wie sich das Kopfteil mit zwei, drei Handgriffen eng und doch nicht einzwängend an den Kopf der im Sack liegenden Puppe anschmiegen lässt. «Noch wichtiger als das ist», erklärt er, während er an einem gelben Seil zieht, «dass wir den Kopfbereich verkürzen können. So liegen selbst sehr kleine Erwachsene und Kinder gut zentriert, wodurch der Rettungssack stets waagrecht hängt.»

Perfekte Balance

Ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur perfekten Balance leisten die von Hand auf fünf Millimeter in der Länge exakt gefertigten Struppen. Auch sie tragen individuelle, mit den Aufnahmeösen übereinstimmende Farbmarkierungen, was Falschpositionierungen vermeiden hilft. Bei Nichtgebrauch lagern die auf jeder Seite an je einem Haken zusammengefassten Bündel gut geschützt in Fächern, aus denen sie einhändig und schnell hervorgezogen werden können – ohne Verdrehungen oder Verschlingungen.

Auch für Laien logische Bedienung

© Manfred KinnastAn diesem (frühen) Prototyp mit Raffung ist gut zu sehen, wie sich der Stoff des Oberteils zusammenziehen lässt.  Auf­fallend: die noch aussen liegenden Trageschlaufen.An diesem (frühen) Prototyp mit Raffung ist gut zu sehen, wie sich der Stoff des Oberteils zusammenziehen lässt. Auf­fallend: die noch aussen liegenden Trageschlaufen.Ebenfalls farbig markiert sind die vier Fixierungsgurte. «Probieren Sie selbst, den Sack korrekt zu schliessen», fordert Kinnast. Das gelingt auf Anhieb und erstaunlich leicht. Fest ist die im Sack liegende Puppe fixiert, sind alle Gurte geschlossen und die Reissverschlussösen gesichert. Kinnast sagt: «Die Farben helfen, sollten einmal Laien mit­anpacken müssen. Farben sind eindeutig zu sehen, zu benennen – und werden selbst bei höchstem Stresslevel nicht verwechselt.»

Patentiertes Raffsystem

Zum Patent angemeldet ist das optionale Raffsystem. Durch simplen Zug an einem Seilsystem zieht sich das Gewebe am Oberteil zusammen. Das bringt drei Vorteile: weniger Angriffsfläche für den Wind, eine bessere Fixierung der Person im Sack und mehr Kälteschutz dank der durch die Faltraffung erzeugten Luftpolster. «In Wintertests bei bis zu minus 20 Grad Celsius war der Effekt eindrücklich», versichert Kinnast.

Innovative Vakuummatratze

Seine Formstabilität erhält der Rettungssack durch eine neuartige Vakuummatratze. Deren Hülle besteht aus einer verklebten Spezialfolie, welche leichter, reissfester und beständiger ist als bisherige Materialien. Im Beinbereich schützt eine aufkaschierte Gewebeschicht vor scharfen Kanten der Ski- oder Bergstiefel der Opfer. Praktisch: Der Absaugschlauch wird durch eine Öffnung im Beinbereich in die Tasche mit der Vakuumpumpe geführt. «So ist beisammen, was zusammengehört, und wir können das Vakuum auch dann noch justieren, wenn die zu rettende Person bereits fertig verpackt ist», erklärt Kinnast. Das Rückschlagventil liegt geschützt im Inneren des Rettungssacks und ist via frei drehbaren Anschluss angebunden. «Ein versehentliches Öffnen ist nicht möglich», sagt Kinnast.

© Jörg RothweilerEine Innenbegurtung mit stabilen Cobra-­Verschlüssen sorgt im neuen Ret­tungs­sack für ein Plus an Sicherheit.Eine Innenbegurtung mit stabilen Cobra-­Verschlüssen sorgt im neuen Ret­tungs­sack für ein Plus an Sicherheit.

Ebenfalls pfiffig ist das zweilagige Kopfteil der Matratze. Es ermöglicht eine physiologisch korrekte Kopfhaltung, erlaubt durch Auseinanderklappen aber auch das eventuell nötige Überstrecken des Kopfs nach hinten. Überdies kann der Kopf mithilfe der nach oben klappbaren Seitenteile stabilisiert werden, wobei er zusätzlich mit Klettbändern gesichert wird. «Das funktioniert so gut, dass wir vielfach auf die steife und unangenehme Halskrause verzichten können.», freut sich Kinnast.

Schneller Zugang zum Thoraxbereich

Anders als bei konventionellen, mit Klettüberlappungen ausgerüsteten Rettungssäcken gelingt der Zugang zum Thoraxbereich blitzschnell: Zwei Reissverschlüsse ein Stück weit öffnen, Stoff zurückschlagen – schon liegt der Brustkorb frei. Dabei bleibt der Verletzte dank der gekreuzten Fixierbänder gesichert. So kann auch das mechanische Wiederbelebungsgerät «Corpuls CPR» ganz einfach platziert und eine am Boden begonnene Herzdruckmassage in der Luft fortgesetzt werden.

Alle Taschen innen – und jederzeit zugänglich

 

Sämtliches Zubehör, etwa die Halskrausen, ist in innen­liegenden Taschen verstaut. Das «Segel», welches hilft, ein Rotieren des Rettungssacks im Abwind des Helikopters zu vermeiden, liegt unter der Vakuummatratze. Dank Reissverschluss ist es dennoch jederzeit griffbereit. Kinnast: «Die glatte Aussenhaut ohne Taschen, flatternde Bänder oder gar Schlaufen verbessert die Aerodynamik nachhaltig. Zudem wird verhindert, dass sich der Sack in Sträuchern oder Bäumen verheddert.»

Praxistest in luftiger Höhe

© Jörg RothweilerDas Herzmassagegerät «Corpuls CPR» ist dank der Reissverschlüsse rasch angebracht. Die gekreuzten Sicherungsgurte können dabei geschlossen bleiben.Das Herzmassagegerät «Corpuls CPR» ist dank der Reissverschlüsse rasch angebracht. Die gekreuzten Sicherungsgurte können dabei geschlossen bleiben.

Ob und wie gut all das funktioniert, erproben wir im Anschluss. Zunächst am Lastkran im Hangar der Air Zermatt, dann im simulierten Rettungsflug mit «Blick aufs Matterhorn». Unsere Testperson findet sich innert weniger Minuten sauber verzurrt und auf die steife Vakuummatratze gebettet im Rettungssack wieder. Der hängt wirklich waagrecht am Haken, neigt sich selbst bei übermässig zum Kopf- oder Fussende hin verschobener Körperposition nur ganz leicht. Ein Drehen des Kopfes ist dank der «Ohrenflügel» nahezu unmöglich, die Installation des «Corpuls CPR» gelingt mühelos. Vorbildlich: Der Sack hängt dank der exakt abgelängten Struppen nirgendwo durch.

«Am Berg» dauert es ebenfalls keine fünf Minuten, bis die Testperson sauber platziert und gesichert, die Vakuummatratze versteift und die Struppenpaare sowie der Gurt des Notarztes am Zentralhaken eingehängt sind. Der Körper der «Verletzten» ist ordentlich gegen den vom Hubschrauber herabstürmenden Wind und den vom Boden aufstiebenden Staub geschützt, als sich Sack und Retter sanft in die Luft erheben. Hoch über Zermatt hängen Sack und Arzt rotationsfrei am Haken. Dank Einsatz des Segels selbst dann, als der Rettungssack provokativ auf die besonders kritische Distanz von «eineinhalb Mal Rotordurchmesser» an den Hubschrauber herangehievt wird. Ein bewusst vom Notarzt durch Ablegen des Segels ausgelöstes Rotieren stoppt rasch wieder. Die Testperson berichtet später: «Es war laut und vor allem im Gesicht sehr windig, aber ich fühlte mich sicher. Abgesehen vom provozierten Rotieren, das etwas furchteinflössend war, verspürte ich keinerlei unangenehme körperliche Belastung. Meine Kapuze polsterte zudem den Kontakt zu den recht steifen ‹Ohrflügeln› der Vakuummatratze. Start und Flug waren seidenweich, die Landung nicht zu hart.»

Fazit: ein echt genialer Sack

Die beiden Tage bei der Air Zermatt zeigten: Streben erfahrene Retter, kompetente Fachpersonen und spezialisierte Hersteller gemeinsam nach Lösungen für die alltäglichen Herausforderungen des reellen Einsatzes, entsteht Wegweisendes. Dazu muss die Welt nicht neu erfunden werden. Es genügt, wenn grundsätzlich Bewährtes detailbewusst modernisiert wird. Natürlich kann man sagen, «luxuriöser Komfort» für den Verletzten sei beim Retten überflüssig. Erwächst er aber aus besseren Sicherheitsfeatures, moderneren Materialien und dem Ausmerzen störender Details, ist er mehr als nur eine Dreingabe. Schliesslich reisen Verunfallte in einem gut gefederten RTW mit moderner Liege auch mit weniger Stress und physischer Belastung als im «seinen Zweck erfüllenden» Kleinwagen.

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