Um zu reagieren, bevor Naturkatastrophen eintreten, braucht es ein umfassendes Frühwarnsystem. Die Schweiz verfügt dazu unter anderem über die «Gemeinsam Informationsplattform Naturgefahren» (GIN) des Bundes. – Ein Blick hinter die Kulissen.

Hans-Peter WächterHans-Peter Wächter

Erst kürzlich hat eine 110-köpfige Jury die zuletzt grundlegend überarbeitete «Gemeinsame Informationsplattform Naturgefahren» (GIN) als eine der herausragenden Schweizer Webseiten ausgezeichnet. Ausschlaggebend für den Preis war, dass GIN eine benutzerfreundliche Kartenapplikation bereitstellt und es schafft, Naturgefahren umfassend zu visualisieren.

Die interaktiv aufgegleiste Plattform überzeugt jedoch nicht nur im Design. Vielmehr lieferte sie all jenen Fachleuten, die zum Schutz der Bevölkerung im öffentlichen Dienst stehen, eine Datenbasis, um möglichst früh Naturgefahren in der Schweiz zu erkennen und entsprechende Massnahmen zu veranlassen. Zwar befinden sich bereits derartige Informationen im Internet, doch erst GIN bündelt diese Daten in der Schweiz.


Erhebliche Fortschritte

Dass mit der Plattform erhebliche Verbesserungen gegenüber der früheren Version erreicht worden sind, bestätigt auch Hans-Peter Wächter. Er ist im Rheinunternehmen des Kantons St. Gallen (einer öffentlich-rechtlichen Anstalt des Kantons) zuständig für trinationale Planungen und Vorbereitungen im Hinblick auf Hochwasserereignisse am Alpenrhein.

Ins Aufgabengebiet des Rheinunternehmens fällt neben dem Hochwasserschutz der Unterhalt der zum Teil hundertjährigen Dämme des Alpenrheins von Bad Ragaz bis zum Bodensee und des Alten Rheins von St. Margrethen bis zum Bodensee.
Insbesondere die für seine Aufgaben wichtigen Pegel- und Abflussdaten könne er nun zusammengefasst auf der abgesicherten und nur einem bestimmten Nutzerkreis zugänglichen GIN-Plattform abrufen. «Das Niveau der Vorwarnung ist ausgebaut worden», hält Wächter fest. Die Datenverfügbarkeit habe sich deutlich verbessert und sei den allgemein zugänglichen Daten klar überlegen.

Bei der in Ittingen ansässigen Geschäftsstelle von GIN, die Sabina Steiner leitet, wird zudem hervorgehoben, dass «alle relevanten Stellen über die gleiche umfassende Grundlage zur Früherkennung und Bewältigung von Naturgefahren verfügen». Auch kostenpflichtige Daten stelle die dem Bundesamt für Umwelt unterstellte GIN-Geschäftsstelle den Krisenstäben auf der Plattform gratis zur Verfügung. Adressiert mit den hier vereinten Daten werden die Blaulichtorganisationen genauso wie Zivilschutz und Armee, aber auch die kantonalen Fachstäbe, Naturgefahrenberater in den Gemeinden, regionale Führungsstäbe, Bergbahnen und private Ingenieurbüros.


Nahezu Echtzeit

Im konkreten Krisenfall, so Wächter, etwa wenn Durchsickerungen bei den zum Teil hundertjährigen Dämmen auftreten, würden in dem Alpenrheingebiet bis zu 800 Menschen zum Einsatz aufgeboten. Ohne die Lageeinschätzungen und Situationsbeurteilungen wie sie auf GIN vorliegen, wäre es sehr viel aufwendiger, Notmassnahmen effizient durchzuführen. Zumal die Plattform auch Wetterentwicklungen, Niederschlagsmengen, Schneefallgrenze und andere Faktoren in ihre Prognosen mit einbezieht, also wichtige Daten zur Gestaltung der Krisenabwicklung liefert.

Konkret bündelt die Open-Source-basierte Web-Plattform nahezu in Echtzeit Messdaten von 1'200 Wetter-, 300 Wasser- und 150 Schnee-Messstationen. Zudem sind Wetterprognosen sowie Abfluss- und Pegel-Prognosen und Experteneinschätzungen zu Erdbeben einsehbar.

Weiter hat man über GIN Zugriff auf Satellitenbilder und das Niederschlagsradar und erhält Warnungen vor Naturgefahren. Ausserdem werden Bulletins zu Lagebeurteilungen zugänglich gemacht. – GIN zeichnet sich dadurch aus, dass für die Vorbereitung auf Naturkatastrophen für alle erdenklichen Szenarien entsprechende Daten-Dossiers vorbereitet werden und mit anderen Nutzern geteilt werden können. Dieser Aspekt sei darum ein weiteres wichtiges Charakteristikum der Plattform, weil es die Kollaboration in Krisenstäben erleichtere, so die Ittinger.

Wächter lobt besonders diese Dossiers auf GIN. Seit deren Austausch via GIN möglich geworden ist, habe sich nicht zuletzt die Qualität der Kooperation mit den seine Region betreffenden Rheinanrainern Liechtenstein und Vorarlberg erheblich verbessert: «Ohne GIN wäre die grenzüberschreitende gemeinsame Lagebeurteilung noch nicht auf diesem hohen Niveau möglich.» Damit sei im Fall einer Naturkatastrophe jetzt der oftmals entscheidende Zeitgewinn deutlich verbessert worden.


Behördengrenzen gesprengt

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit stellen die Plattformbetreiber als weltweit einzigartig dar. Die Beteiligten können dazu aufbereitete Datenmassen von täglich 2,7 Gigabyte nutzen. Verschiedene Fachstellen sind als Informationslieferanten involviert. Neben dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) gehören von der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und der Schweizerische Erdbebendienst (SED) dazu.
Mit GIN sei es in der Schweiz gelungen, die Grenzen zwischen einzelnen Behörden aufzusprengen, heisst es beim Betreiber. Es verwundert daher nicht, dass auch Daten von den Kantonen und Gemeinden genauso wie die von privaten Wetterdiensten und ausländischen Messstationen im Umkreis von 150 Kilometern um die Landesgrenze in die Datenbasis einfliessen.

Wächter erklärt, dass diese Datenbasis dazu beitrage, die Übersicht der Daten der verschiedenen Zuflüsse zum Alpenrhein sehr gut gestalten zu können und den Zugriff deutlich zu optimieren. GIN erlaube den Vergleich von Realitäts- mit Prognosedaten. Die ausgewerteten Daten aus den Pegelständen und Abflüssen lieferten bisher nicht in dem Ausmass verfügbare Erkenntnisse, die unmittelbar dem Schutz der Bevölkerung zugutekämen, ergänzt er.


Übersicht in einer Datenflut

Hintergrund auch für diesen Ausbau ist ohne Zweifel die seit dem Sommer letzten Jahres auf den neuesten Stand gebrachte Technik von GIN. Ausfallsicherheit und damit eine Verfügbarkeit von 99,9 Prozent wird durch den Tag- und Nachtbetrieb der Plattform auf zwei redundanten Rechenzentren sichergestellt. Zudem setze man auf «Internet of Things at its best», schreiben die Berner.So würden die Daten von den Messstationen der ganzen Schweiz fast live alle zehn Minuten verfügbar gemacht, wobei deren Datenfluss automatisch überwacht werde.

Extremereignisse wie Stürme, Hochwasser oder Lawinen wird es wohl immer geben. Damit dann auch in Zukunft die Verantwortlichen schnell und richtig entscheiden, wird auch GIN weiter verbessert. Im nächsten Jahr ist zunächst einmal geplant, eine dedizierte mobile App zu lancieren. Ausserdem sollen noch mehr Messstationen von Privaten und Gemeinden in die Plattform inte­griert werden. Auf längere Sicht können sich die Betreiber auch vorstellen, die mächtige Datengrundlage von GIN zu nutzen, um über künstliche Intelligenz beispielsweise konkrete Vorschläge für Massnahmen bei Naturkatastrophen zu unterbreiten.

 

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