Blaulicht war an Bord eines Rettungshelikopters der Alpine Air Ambulance. Wenn der Alarm losgeht, zählt jede Sekunde.

© Thomas WältiChefpilot Sascha Fleischmann vor dem Rettungshelikopter «Lions 1».Chefpilot Sascha Fleischmann vor dem Rettungshelikopter «Lions 1».07:30 | Als Pilot Sascha Fleischmann den Rettungshelikopter «Lions 1» aus dem Hangar zum Startplatz rollt, weiss er noch nicht, was für ein langer und ereignisreicher Tag vor ihm liegt.

Der Regionalflugplatz im Aargauer Birrfeld erwacht zum Leben. Krähen steigen auf. Die Sonne wirft erste Schatten, der wolkenlos blaue Himmel verspricht perfektes Flugwetter. Sascha Fleischmann macht den Airbus H135 der Alpine Air Ambulance (AAA) startklar. Nach dem Kontrollrundgang überprüft er im Cockpit die Fluginstrumente und Kontrollanzeigen.

Die medizinische Ausstattung des Helikopters ist beeindruckend: Notarzt­rucksack, Beatmungsgerät, tragbare Defibrillator- und Monitoring-Einheit, Sauerstoffflaschen, Spritzenpumpen, Patiententrage und weitere Spezialausrüstung. Eine fliegende Intensivstation? «Ein wenig schon», sagt Notarzt Dr. Jörg Speier. Und fügt an: «Der Patient wird am Einsatzort erstversorgt und dann, falls nötig, für einen Flug ins Krankenhaus stabilisiert. Im Helikopter überwachen wir seinen Gesundheitszustand weiter und setzen die eingeleitete Therapie fort.»

Rettungssanitäter André Hug gehört ebenfalls zur Besatzung. Er betankt gerade den Hubschrauber mit Kerosin.

08:00 | Auf der Basis Birrfeld steht das Frühstück bereit. Die Crew und der Gast haben in der Küche die Qual der Wahl: Kaffee, Tee, Krustenkranz, Butter, Konfitüre, Erdbeeren, Pfirsiche, Mokka-Joghurts, Frosties, Schoggitafeln. Ein reichhaltiges Buffet. «Wer rettet, der fettet», sagt Sascha Fleischmann und lacht. Man wisse halt nie, wann der Alarm losgehe. Deshalb greife man jederzeit zu.

Das morgendliche Briefing findet in der Küche statt. Auf einem Whiteboard stehen die wichtigsten Informationen des Tages. Im Daily Airspace Bulletin Switzerland (DABS) werden Gefahren, Einschränkungen und Änderungen im Schweizer Luftraum auf einer Karte eingezeichnet. So erfährt die Crew unter anderem, dass in Bülach und Winterthur ein neuer Kran gestellt worden ist. Unter Punkt 6, Verteilung der Tagesaufgaben, heisst es: «2 x täglich Blumen giessen».

© Thomas WältiIm Landeanflug: «Lions 1» nimmt Kurs auf einen Fussballplatz in Wutach-Lembach.Im Landeanflug: «Lions 1» nimmt Kurs auf einen Fussballplatz in Wutach-Lembach.10:07 | Alarm! Die 3er-Crew schaltet in den Routinemodus. Eine notfallmässige Verlegung eines Herzpatienten vom Spital Waldshut in die Uniklinik Freiburg im Breisgau steht bevor. So lautet die Information auf dem Handydisplay. Der Schreibende wird freundlich, aber bestimmt zum Helikopter gewiesen. Aus Vorgesprächen weiss er, dass er sich niemals von hinten an den Helikopter annähern darf, sondern stets Sichtkontakt mit dem Piloten halten muss.

Dreieinhalb Minuten nach dem Alarm hebt «Lions 1» ab. Schon nach wenigen Sekunden ist die Nebelfahne des Kernkraftwerks Gösgen zu erkennen. Über die Kopfhörer läuft der Funkverkehr mit der örtlichen Einsatzleitung (siehe dazu den separaten Artikel).

Sascha Fleischmann nimmt Kurs auf den Schwarzwald. Höchstgeschwindigkeit: 260 km/h. Noch in der Luft beginnt Jörg Speier, das Notfallprotokoll auszufüllen. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht. Nach sechs Minuten landet Sascha Fleischmann sanft auf dem Heliport des Spitals Waldshut.

21 Minuten später schieben Jörg Speier und André Hug den Herzpatienten in den Rettungshelikopter. «Willkommen an Bord! Es wird während des Fluges gleich recht laut in der Kabine, hiermit wird es für Sie angenehmer sein», sagt Speier besonnen und zieht dem älteren Mann einen Gehörschutz an. Der Patient wirkt entspannt. Er lächelt vor dem Flug in die Uniklinik Freiburg im Breisgau. Um 10.53 Uhr wird er dort abgeliefert.

11:17 | «Lions 1» schwebt gerade über dem Freiburger Münster, als ein neuer Alarm eingeht. Auf einem Fussballplatz in Wutach-Lembach müsse eine 86 Jahre alte Frau mit Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma abgeholt werden. Sie werde am Einsatzort von Rettungskräften erstversorgt und danach zum Landeplatz gebracht.

Dort berichtet ein Angehöriger, dass die Frau zu Hause gestürzt sei und sich dabei eine Kopf- und Schulterverletzung zugezogen habe. Zudem habe sie einen Herzschrittmacher. Jörg Speier ist auf dem Flug ins Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen (DE), wo die Verletzte hingeflogen wird, zuversichtlich. Die Patientin reagiere korrekt auf entsprechende Fragen und sei stabil.
Die AAA fliegt oft in die verwinkelten Seitentäler des Schwarzwalds. Besonders im Winter ist diese Region auf dem Landweg nur aufwendig zu erreichen. Ein Rettungswagen braucht auf den kurvenreichen Strassen ins Spital ungleich länger als ein Helikopter. Schnelligkeit aber hat bei der Rettung eines kritischen Patienten höchste Priorität.

13:23 | Sascha Fleischmann hat während eines Tankstopps Zeit, etwas durchzuatmen. «Jeder Tag ist anders. Das gefällt mir an meinem Beruf», sagt der 32 Jahre alte Zürcher. Man müsse aber schon mit sich selbst etwas anfangen können, meint der Chefpilot mit über 3800 Flugstunden und 10'000 Landungen, denn es gebe auch Tage, an denen kein Alarm erfolge oder wegen schlechter Witterung nicht geflogen werde. «Dann hat jeder ein Tagesämtli.»

Viele Leute hätten ein falsches Bild von der Luftrettung, meint Sascha Fleischmann. Um anzufügen: «Frontalkollisionen auf Autobahnen mit mehreren Schwerverletzten und viel Blut entsprechen nicht der Norm. Weitaus häufiger fliegen wir zu Patienten mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Oder wir bringen einen Patienten in ein anderes Spital. Oder wir führen einen Organtransport durch.» Für Organtransporte steht im Hangar «Lions 3» allzeit bereit.

© Thomas WältiNotarzt Joerg SpeierNotarzt Joerg Speier15:00 | Im Birrfelder Flugplatzrestaurant «Cockpit» sitzt die Crew gerade beim Mittagessen, als der Notfallmelder abermals ertönt. Hamburger, Wurst- und Käsesalat, Pommes frites – alles wird stehen gelassen. Mit knurrendem Magen eilt die Besatzung zum Rettungshelikopter. Ein Mann ist im zürcherischen Kilchberg aus grösserer Höhe vom Arbeitsgerüst gefallen. Die bodengebundenen Rettungskräfte sind bereits vor Ort.

Der Rettungsdienst am einsatzortnahen Landeplatz versucht, den Rettungshelikopter beim Landeanflug per Funk einzuweisen. Die angegebenen Referenzpunkte sieht die Crew nicht sofort. «Wo bist du, hast du Sichtkontakt mit uns?», fragt Rettungssanitäter André Hug. Er assistiert nicht nur dem Notarzt, sondern auch dem Piloten. Und so sichert er nach einer Landung «Lions 1» ab. Er warnt aber auch vor Hochspannungsleitungen, Windrädern oder Heuseilen – Helikopterpiloten fliegen auf Sicht.

Nach einer weiteren Flugschleife über Kilchberg taucht ein Polizeiwagen mit blinkendem Blaulicht am Boden auf. «Lions 1» landet auf einer Wiese zwischen zwei grossen Bäumen. Die Rotorblätter wirbeln Blätter auf. Ein perfekter Touchdown. Manchmal fliegen Sonnenschirme oder Plastikstühle herum, wenn Sascha Fleischmann wegen eines Notfalls in einem Einfamilienhaus-Quartier aufsetzen muss.

Der Patient wird vom Rettungswagen in den Helikopter umgeladen. Der notfallmässige Transport von Kilchberg ins Universitätsspital Zürich dauert drei Minuten.

19:30 | Sascha Fleischmann schmeisst den Grill an. «Mein Lieblingsämtli», sagt er mit einem Schmunzeln. Aber noch ehe er die leckeren Steaks und Würste fertig gebrutzelt hat, ertönt abermals der Alarm. Wieder wird alles stehen gelassen. Die Zeit drängt. Im aargauischen Dottikon hat sich ein 18-Jähriger bei einem Grill­unfall grossflächige Verbrennungen zugezogen. Der Flug zum Einsatzort dauert nur drei Minuten.

Während Jörg Speier bei dem Patienten im Rettungswagen eine Notfallnarkose einleitet, erzählt die Mutter des Verunfallten, wie der Grill explodiert ist. Sie macht einen gefassten Eindruck. Nicht immer verhalten sich Angehörige nach einem schlimmen Ereignis so ruhig. Auf dem Flug ins Universitätsspital Zürich sagt Jörg Speier: «Insbesondere Notarzt­einsätze im Zusammenhang mit Kindern können sehr belastend sein – vor allem, wenn ich Eltern mitteilen muss, dass ihr Kind sehr schwer verletzt oder sogar verstorben ist.»

Der verunfallte Teenager wird im Universitätsspital Zürich von Ärzten und Pflegepersonal in Empfang genommen. Die Spezialisten im Zentrum für Brandverletzte kennen bereits die Verletzungsschwere des Patienten. Jörg Speier hat ihnen die Daten und eine präklinische Diagnose aus dem Rettungshelikopter vor dem Start telefonisch übermittelt.

22:00 | «Lions 1» wird in den Hangar geschoben. Aus Sicherheitsgründen. Die Wettervorhersage verspricht für die Nacht wenig Erfreuliches. Es soll einen Sturm und heftige Gewitter geben. Ausserdem: Im Rettungshelikopter befinden sich verschlusspflichtige Medikamente. Es würde nun 12 bis 15 Minuten dauern, bis «Lions 1» nach einem Alarm wieder in der Luft wäre. Die AAA fliegt auch nachts. Die Piloten tragen Restlichtverstärker.

23:00 | Draussen tobt ein Unwetter. Es blitzt und donnert. Jörg Speier setzt sich an den Tisch und trinkt einen Kaffee. Was fasziniert ihn an dieser Arbeit, die er zusätzlich zu seiner Haupttätigkeit ausübt? «Es ist die Kombination aus Fliegen, Notfallmedizin und der Tatsache, dass keine Einsatzsituation genau der anderen gleicht», sagt der 47-Jährige, der als Oberarzt für Anästhesie und Intensivmedizin am Landeskrankenhaus Bregenz in Österreich arbeitet.

Speier fügt an: «Ich bin seit 25 Jahren im Rettungsdienst tätig. Im Gegensatz zu meiner Arbeit im Spital geht es bei Einsätzen mit dem Rettungshelikopter darum, den Patienten mit im Vergleich zur Klinik wenigen medizinischen Möglichkeiten schnell und effektiv zu helfen. Dafür braucht es viel Improvisation, Erfahrung und ein eingespieltes Team. Das empfinde ich als eine äusserst reizvolle, aber mitunter auch sehr fordernde Aufgabe.»

Eine halbe Stunde später zieht sich die AAA-Crew in die Schlafzimmer zurück. Während der angespannte Gast auf den nächsten Alarm wartet und daher kein Auge zudrückt, schlafen Sascha Fleischmann, Jörg Speier und André Hug sofort ein.

In der Nacht bleibt die Lage ruhig. Es gibt keinen Alarm mehr.

07:30 | Tagwache! Die 24-Stunden-Schicht ist zu Ende. Eine neue Crew trifft auf der Basis Birrfeld ein. Sie macht sich bereit für den nächsten Alarm.

Jede Minute kann entscheidend sein

Rettungswagen oder Helikopter? Geht ein 144er-Notruf ein, triagiert die Einsatzleitstelle die Patienten. So können unabhängige Experten am Telefon das richtige Rettungsmittel zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort bestellen.

In zahlreichen Kantonen koordinieren moderne Notrufzentralen den gesamten Rettungseinsatz. Mithilfe der Software «rescuetrack» verschafft sich die Einsatzleitung in Echtzeit einen Überblick, wo sich welches Rettungsmittel gerade aufhält. So können die fünf in der Schweiz im Einsatz stehenden Flugrettungsanbieter – Rega, AAA, Air Zermatt, Air-Glaciers und DRF Luftrettung – nach dem «Next-Best-Prinzip» aufgeboten werden, sodass der Helikopter spätestens nach 15 Minuten am Einsatzort eintrifft.

Bei einem zeitkritischen Patienten zählt beispielsweise nach einem Schlaganfall jede Minute. Ab der 16. Minute reduziert sich dessen Chance auf vollständige Genesung um zehn Prozent pro Minute.

Schutz & Rettung Zürich ist ein gutes Beispiel für eine übergreifende Einsatzleitzentrale. Die grösste Blaulichtorganisation der Schweiz ist mittlerweile verantwortlich für die Kantone Zürich, Schaffhausen, Schwyz und Zug. Ausserdem wird für den Kanton Zürich auch die Feuerwehr über dieselbe Zentrale koordiniert.

Kontrovers diskutiert wird in Kreisen der Luftrettungsbetreiber das Thema Rettungsfunk. Der Funkverkehr läuft über das digitale Sicherheitsfunknetz des Bundes (Polycom). «Dieses wie ein GSM-Netz funktionierende System erweist sich in der Luft als suboptimal. Der Rettungshelikopter fliegt einerseits zu hoch. Andererseits bewegt er sich zu schnell durch die einzelnen Funkzellen, sodass eine Verständigung mit den bodengebundenen Rettungskräften nicht immer gewährleistet ist», sagt Jürg Fleischmann, Präsident der Lions Air Group AG. Will ein Polizist beispielsweise mit dem Helikopterpiloten kommunizieren, muss er sein Funkgerät erst in den Direkt-Modus schalten.
Jürg Fleischmann plädiert dafür, den Rettungsfunk auf einen analogen Funkkanal umzustellen. Wobei das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) Polycom gerade auf hochverfügbare, drahtlose Breitbandkommunikation (dBBK) und den Mobilfunkstandard Long Term Evolution (LTE) umstellt.

Die Kosten für die Luftrettung werden gemäss Krankenversicherungsgesetz und Unfallversicherungsgesetz von den Versicherungen getragen. Nicht alle Leistungen sind vollumfänglich gedeckt. Es kann sich lohnen, entsprechende Zusatzversicherungen abzuschliessen.

Luftrettung in der Schweiz


In der Schweiz stehen fünf Flugrettungsanbieter im Einsatz: Alpine Air Ambulance (AAA), Rega, Air Zermatt, Air-Glaciers und DRF Luftrettung mit Sitz in Filderstadt bei Stuttgart (DE).

Die AAA verfügt über vier Helikopter und einen Ambulanzjet. Die Rettungs- und Ambulanzfirma aus dem Kanton Aargau beschäftigt über 50 Mitarbeitende. Die AAA hat mit dem Helikopter «Lions 1» im Jahr 2017 insgesamt 936 Einsätze durchgeführt, davon waren 816 Rettungen sowie 110 Verlegungen und zehn Organ- und Transplantationstransporte. Die AAA wurde 2011 gegründet.

Die Flotte der Rega umfasst 19 Helikopter und drei Ambulanzjets (seit 2018 Challenger 650). Bei der Rega stehen 380 Mitarbeitende im Einsatz. Im Jahr 2017 betrug die Anzahl organisierter Einsätze 15'958. Die Rega wurde 1952 gegründet.

Die Flotte der Air Zermatt umfasst zehn Helikopter. Das Oberwalliser Helikopterunternehmen beschäftigt rund 70 Mitarbeitende. Die Air Zermatt flog im vergangenen Jahr insgesamt 1690 Einsätze. Sie wurde 1968 gegründet.

Die Air-Glaciers verfügt über 14 Helikopter und drei Flugzeuge. Beim Walliser Helikopterunternehmen arbeiten rund 160 Personen. Es wurde 1965 gegründet.

Die Flotte der DRF Luftrettung (vormals Deutsche Rettungsflugwacht) umfasst über 50 Helikopter in Deutschland und im Ausland. Für weltweite Repatriierungen von erkrankten und verletzten Personen setzt die DRF Luftrettung ausserdem zwei Learjets ein. Im Jahr 2017 wurden die Helikopter der DRF Luftrettung 38'476 Mal alarmiert. Die Luftrettungsorganisation wurde 1972 gegründet.

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