«Warum hat Papa das gemacht?»

Simon Finkeldei schildert in einem eindrücklichen Referat, wie anspruchsvoll es ist, nach einer unfassbaren Tragödie kindgerechte Worte zu finden. Der Münchner Psychologe vergleicht Kinder mit kleinen Seefahrern im Sturm, die zur Orientierung vertraute Leuchttürme brauchen.

Archivbild: Thomas WältiTita Kern und Simon Finkeldei gelten als renommierte Psychologen, wenn es darum geht, Kinder nach einem hoch belastenden Ereignis zu stützen.Tita Kern und Simon Finkeldei gelten als renommierte Psychologen, wenn es darum geht, Kinder nach einem hoch belastenden Ereignis zu stützen.Es ist still im Konferenzsaal. 200 Fachleute aus der Care-Team-Branche sind erschüttert über diese Schlagzeile: «Der Psychokiller stach vierzehn Mal zu – warum hat Papa das gemacht?» Der 44 Jahre alte Psychologe Simon Finkeldei aus München ist in den Campus Sursee gereist, um anlässlich der 4. internationalen Fachtagung Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) Antworten zu geben auf die Frage, wie ein Kind nach einer hoch belastenden Lebenserfahrung mit kindgerechten Worten aufgeklärt werden soll.

Die Welt eines Kindes kann aus den Fugen geraten, wenn ihm eine vertraute Person durch Gewalt, Tötung oder Suizid entrissen wird. Finkeldei weist auf das grosse Spannungsfeld hin, in dem sich ein nach Antworten und Orientierung suchendes Kind nach einem solchen Ereignis befindet. Er berichtet von der zusätzlichen Belastung, wenn Medienbeiträge nach familiären Tötungsdelikten beispielsweise den Vater oder die Mutter des leidtragenden Kindes stellenweise einseitig und überzeichnet darstellen. Auch werde eine Tragödie oft hochstilisiert und so zum öffentlichen Thema gemacht, was weiteren Einfluss auf den Verarbeitungsprozess des betroffenen Kindes habe.

Mehr noch: Das Kind, das angesichts dieser Erschütterung nun besonders auf vertraute elterliche Unterstützung angewiesen ist, hat womöglich gleich zwei Bindungspersonen verloren – eine durch Tod, eine durch Wegsperren ins Gefängnis.

Finkeldei berichtet beispielhaft von einem bewegenden Fall: Zwei Söhne, acht und elf Jahre alt, sind anwesend, als der Vater mit einem Küchenmesser immer wieder auf die Mutter einsticht, bis sie stirbt. Steht unmittelbar nach der Tat die Krisenintervention im Vordergrund, geht es in den Stunden, Tagen und Wochen nach dem Unfassbaren darum, das Geschehene weiter zu verarbeiten. Angehörige würden dann den Rat erhalten, auf Kinderfragen mit offenen und kindgerechten Worten zu antworten, so Finkeldei. Ein Ratschlag, der fachlich richtig sei. Angesichts der eigenen Betroffenheit oder teils ängstigender und herausfordernder Fragen überfordere dieser Hinweis Erwachsene im Ernstfall jedoch oft. Anhand von Fragen wie «Hat das wehgetan?» oder «Warum hat Papa das gemacht?» stellt der Referent mögliche Erklärungen für Gewalt gegen sich selbst oder gegen andere für den Bereich Krisenintervention vor.

Kinder seien bei der Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses aufgrund ihrer entwicklungspsychologischen Position abhängig von ihren zentralen Bindungspersonen, meint Finkeldei. Erwachsene Personen würden beispielsweise massgeblich bestimmen, was zu tun und zu unterlassen sei, wie «richtig» emotional zu reagieren und wie oder mit wem darüber zu sprechen sei. Auch die grundsätzliche Bedeutung, die dem Erlebten gegeben werde, würde durch die Erwachsenen erfolgen beziehungsweise an deren Reaktion abgelesen. Wie gross der Einfluss stabiler oder instabiler Bezugspersonen auf die Verarbeitungschancen traumabelasteter Kinder in der Folgezeit sei, lasse sich auch in wissenschaftlichen Studien aufzeigen, meint Finkeldei.

In seinem ergreifenden Vortrag gab der Psychologe Einblick in ein vereinfachtes Erklärungsmodell. «Kleine Seefahrer befinden sich auf See, erkunden neue Inseln und Meere und lernen auf diese Weise, wie das Leben funktioniert,
und auch, wie mit neuen Situationen auf emotionaler und verhaltensbezogener Ebene umgegangen werden kann», sagt Finkeldei. Um anzufügen: «Kommt es zu einer Beunruhigung, einem traumatischen Sturm oder erhöhtem Seegang durch Schmerz oder Angst, wird das Bindungssystem aktiviert, und die Seefahrer suchen den Weg zurück in den vertrauten und sicheren Hafen.» Sinnbildlich sind also die Bezugspersonen – das können ebenso Eltern wie Erziehende oder Care-Teams sein – die Leuchttürme, die den kleinen Seefahrern Geborgenheit vermitteln, damit sie später gut gewappnet wieder auf die Reise gehen können, um Neues zu entdecken oder Erlebtes zu verarbeiten.

Licht für verletzte Kinderseelen

Archivbild: Thomas WältiTita Kern und Simon Finkeldei gelten als renommierte Psychologen, wenn es darum geht, Kinder nach einem hoch belastenden Ereignis zu stützen. Die beiden Deutschen arbeiten bei der KinderKrisenIntervention der AETAS-Kinderstiftung (www.aetas-kinderstiftung.de) in München.

Die Stiftung berät und begleitet betroffene Kinder und Jugendliche sowie ihre Bezugspersonen unmittelbar und für die Dauer von bis zu einem Jahr nach hoch belastenden Lebenserfahrungen. Gearbeitet wird nach einem traumaspezifischen Frühinterventionsansatz mit dem Ziel, akutes Leid zu reduzieren und Traumaverarbeitung bereits früh so zu unterstützen, dass einer Krankheitsentwicklung entgegengetreten werden kann.

Entwickelt hat diesen Ansatz die Psychotraumatologin und Familientherapeutin Tita Kern. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Simon Finkeldei, Psychologe und Traumatherapeut, ist sie für die fachliche Leitung der Stiftung zuständig. Die beiden Trauma-Experten beschäftigen sich seit über 20 Jahren mit den Themen Krisenintervention und Psychotrauma in Lehre und Praxis.


Tita Kern hat zu diesem Thema das Fachbuch «Wie Kinder trauern» geschrieben. Gerade verfasst sie das Buch «Kindertrauma – Von Leuchttürmen und Seefahrern». Die Publikation wird 2019 erfolgen.

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