Raubtiere verspüren keinen Freiheitsdrang

Im Berner Tierpark Dählhölzli leben gefährliche Zoo-Bewohner. Oder möchten Sie in der Stadt Persischen Leoparden, Moschusochsen oder Bären begegnen? Bernd Schildger hat keine Angst vor ihnen. Der Tierpark- und Bärenparkdirektor sagt, wie der Notfallplan griffe, wenn ein Raubtier ausbüxte.

@ RANDOKeine Angst vor der Raubkatze: Ein Persischer Leopard und ein junger Zoo-Besucher sind nur durch eine Scheibe getrennt.Keine Angst vor der Raubkatze: Ein Persischer Leopard und ein junger Zoo-Besucher sind nur durch eine Scheibe getrennt.

Unlängst ist dem Dählhölzli ein Flamingo entwischt. Zwei Polizisten fingen den Vogel wieder ein. Was aber, wenn beispielsweise nach einem extremen Wetterereignis ein Persischer Leopard durch die Lauben der Berner Altstadt schleicht? Oder ein Moschusochse beim Zytglogge den Weg versperrt, während vor dem Bundeshaus ein Bär nach einer Wasserfontäne schnappt?

Es wäre eine ungewöhnliche Situation, für manche vielleicht schlicht eine Horrorvorstellung.

Also hat Blaulicht nachgefragt: Wie sicher ist der Berner Tierpark Dählhölzli?

Eine Gefahr aus Unkenntnis?

«Eine 100-prozentige Sicherheit kann ein Zoo nur garantieren, wenn er da­rauf verzichtet, Tiere zu halten», sagt der Berner Tierpark- und Bärenparkdirektor Prof. Dr. med. vet. Bernd Schildger. «Eine grosse Gefahr, dass ein gefährliches Tier ausbüxt, geht auch vom Menschen aus. Ein offen gelassener Absperrschieber oder ein Vandalenakt könnten ernsthafte Folgen haben.»

Im Tierpark Dählhölzli leben insgesamt 2'200 Tiere. Persische Leoparden, Moschusochsen und Bären bezeichnet Bernd Schildger als gefährlichste Zoo-Bewohner.

Stellen sie eine potenzielle Gefahr für die Bevölkerung dar?

Die moderne Gesellschaft wisse nicht mehr, wie sie sich gegenüber gefährlichen Tieren verhalten müsse, so Bernd Schildger. Daher würden die genannten Wildtiere schon eine potenzielle Gefahr darstellen. Seit seinem Amtsantritt 1997 im Tierpark Dählhölzli habe aber noch nie ein gefährliches Tier das Weite gesucht, fügt der gebürtige Deutsche an.
«Es ist ein Irrglaube, dass im Zoo gehaltene Tiere einen grossen Freiheitsdrang verspüren. Würde ein Persischer Leopard sein gewohntes Revier verlassen, könnte er mit seiner neuen, ihm feindlich gesinnten Umgebung in aller Regel nichts anfangen. Er verhielte sich vorsichtig und zurückhaltend. Die Chance wäre gross, dass er sich – um kein Risiko einzugehen – wieder in sein gewohntes Territorium begeben würde.»

Sieben Löwen flüchten – und kehren zurück

@ RANDODer Bär ist los: Mascha begrüsst im Tierpark Dählhölzli die Besucher.Der Bär ist los: Mascha begrüsst im Tierpark Dählhölzli die Besucher.Bernd Schildger erzählt von seiner Zeit im Frankfurter Zoo: «Einmal büxten sieben Löwen aus. Sie blieben auf dem Zoo-Areal. Wir konnten sie dazu bewegen, wieder in ihr Gehege zurückzulaufen.» Zahlreiche mit Besen, Rechen und Schaufeln «bewaffnete» Tierpfleger hatten eine Menschenkette gebildet und sich den Löwen mit langsamen, bedächtigen Schritten angenähert. Dabei liessen sie den Löwen stets einen Fluchtweg offen – jenen in Richtung Gehege.

Könnten denn Raubtiere ausserhalb eines Zoos überhaupt überleben? Diese Frage beinhalte dermassen viele Vorbedingungen, dass sie nicht beantwortbar sei, meint Bernd Schildger. «Der Strassenverkehr in der Stadt Bern ist für einen Moschusochsen das pure Gegenteil von Freiheit. Wovon soll er sich in der Stadt ernähren? Umzingelt von ängstlich reagierenden Menschen, die er als permanente Bedrohung empfindet, weshalb er wohl auf sie losginge», so Bernd Schildger.

Um anzufügen: «Ein Persischer Leopard würde in seinem neuen Lebensraum erst einmal nicht auf Beutejagd gehen. In einer ihm feindlich scheinenden Umgebung wäre sein knurrender Magen irrelevant. Und überhaupt: Er käme gar nicht zum Fressen, denn er würde vorher gefangen und zurückgebracht oder aber von der Wildhut oder Polizei erschossen. Beide Gruppen sind trainiert in der Verwendung von Schusswaffen im öffentlichen Raum.»

Ein Notfallplan muss sein

Jeden Morgen kontrollieren Tierpflegerinnen und Tierpfleger im Dählhölzli den Tierbestand. Aber nicht nur dies: Sie beobachten die Tiere auch, um mögliche Krankheiten oder eine Verhaltensstörung zu registrieren.

Eine Notfallnummer wird rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, von einer Fachperson bedient. Im Ernstfall übernimmt der diensthabende Pikettmitarbeiter die Rolle des Tierparkdirektors. «Tagsüber erfolgt die Alarmierung gewöhnlich mittels Beobachtungen oder Schreien der Besucher.

Nachts bekommen wir gelegentlich Hinweise von der Polizei oder aus der Bevölkerung» (wie beispielsweise im Fall des ausgeflogenen Flamingos), sagt Bernd Schildger. Nach Eingang einer solchen Meldung gehe es darum, die Lage zu beurteilen. Dann werde informiert, entsprechendes Fachpersonal aufgeboten und strukturiert vorgegangen. Aus sicherheitstaktischen Gründen möchte Bernd Schildger den Notfallplan nicht näher erläutern.

Schusswaffen? Nicht für Dählhölzli-Mitarbeiter

Mitarbeitende des Tierparks Dählhölzli tragen keine Schusswaffen. «Einen Moschusochsen können sie nicht zwingend mit einer herkömmlichen Gewehrkugel töten. Seine massiven Stirnplatten sind stahlhart. Hierfür benötigen sie durchschlagskräftigere Geschosse», sagt Bernd Schildger. «In menschlicher Umgebung eine solche Waffe zu bedienen, birgt Risiken. Meine Mitarbeiter besuchen keine regelmässigen Schiesskurse für schwere Waffen. Deshalb arbeiten wir mit der Wildhut zusammen. Auch die Kantonspolizei und die Blaulichtorganisationen gehören zu unseren verlässlichen Partnern.»

Je nach Gefahrenpotenzial eines ausgebrochenen Tieres genügten jedoch Narkosegewehre und -pfeile, Netze oder –
wie im geschilderten Fall im Zoo Frankfurt – Menschenketten, um den Ausreisser wieder einzufangen. Mit einem Schmunzeln erzählt Bernd Schildger die Anekdote über den ausgebüxten Bezoarziegenbock Walter, dessen Ausflug abrupt in einem Architekturbüro im Marzili endete. Den Namen erhielt der Bock von seinen Tierpflegern – in Anlehnung an den legendären Ausbrecherkönig Walter Stürm.

Die grosse Gefahr ist nicht das Tier

Das grosse Problem bei der Haltung von Wildtieren sei nicht das Tier, sondern der Mensch, sagt Bernd Schildger. Deshalb würden Vorkehrungen getroffen, um ein höchstmögliches Mass an Sicherheit zu gewährleisten. «Gefährliche Tiere werden bei uns von ausgewählten Tierpflegern betreut, die ein hohes Mass an Stoizismus aufweisen. In den mir aus anderen Zoos bekannten Fällen, in denen Schiebetüren offen gelassen wurden, waren stets ‹kreative› Tierpfleger beteiligt, die während ihrer Arbeit viele Sicherheitsmassnahmen hinterfragten und glaubten, modifizieren zu müssen.»

Einen hohen Standard haben die baulichen Sicherheitsmassnahmen. So lebt der Persische Leopard unter einem Drahtseilnetz, das von Eichenstämmen aus dem Dählhölzliwald getragen wird. Die Bärenanlage ist unter anderem mit einem Elektrozaun gesichert. Täglich wird mehrmals überprüft, ob der Zaun unter genügend starkem Strom steht.
Es ist also unwahrscheinlich, vor dem Bundeshaus einem entlaufenen Raubtier zu begegnen.

Der Schlangenfänger

@ ZVGDer Zürcher Stadtpolizist Adrian Grünenwald holt mit einer Schlangenzange eine Gabunviper aus dem Terrarium.Der Zürcher Stadtpolizist Adrian Grünenwald holt mit einer Schlangenzange eine Gabunviper aus dem Terrarium.

Der Zürcher Stadtpolizist Adrian Grünenwald übt seit drei Jahren eine Arbeit aus, um die er nicht von jedermann beneidet wird: Er fängt Schlangen. Der Reptilienspezialist kommt dann ins Spiel, wenn jemand verängstigt zum Hörer greift oder ein Handyvideo auf die Wache schickt.

«Meistens melden sich Passanten, wenn sie eine Schlange entdecken. Sie wissen halt nicht, ob dieses Tier giftig ist und eine Gefahr darstellt», sagt Adrian Grünenwald. Der Mitarbeiter der Stadtpolizei Zürich leistet gewöhnlich Patrouillendienst – Schlangen fängt er nur sporadisch. Schliesslich genügt oft eine telefonische Beratung.
Rückt er nach einem Aufgebot der Einsatzzentrale aus, um etwa eine harmlose Ringelnatter in einem Quartier zu behändigen, lässt er diese nach erfolgreichem Fang am Seeufer oder in einem Sumpfgebiet wieder frei.

Ein Dutzend Mal musste Adrian Grünenwald bis jetzt als Schlangenfänger ausrücken. Im vergangenen Juli wurde der 44 Jahre alte Polizist aktiv, weil eine Königspython mitten in der Stadt Zürich bei der Neuen Kirche Fluntern übers Trottoir kroch. Die ungiftige Würgeschlange war aus dem Terrarium ihres Halters ausgebüxt.

Sie wurde eingefangen. Und Adrian Grünenwald versucht nach wie vor, den Halter ausfindig zu machen. Wird die Schlange innert dreier Monate nicht abgeholt, wird sie fremdplatziert.

Mit Verlaub: Würde Adrian Grünenwald auch eine Schwarze Mamba oder einen Inlandtaipan – sie gehören zu den gefährlichsten und giftigsten Schlangen der Welt – einfangen? «Das wäre in der Tat eine heikle Aufgabe», sagt der Zürcher. Um anzufügen: «In diesem Fall würde ich Unterstützung anfordern. Wir pflegen gute Kontakte zu privaten Giftschlangenhaltern.»

Der vierfache Familienvater Adrian Grünenwald hält drei Schlangen als Haustiere – zwei Königsboas und eine Königsnatter. Alle drei Mitbewohner sind ungiftig. «Schlangen faszinieren mich wegen ihrer besonderen Sinnesorgane und ihrer Kombination aus Schönheit und Gefährlichkeit», sagt der Zürcher Stadtpolizist.

Er könne verstehen, dass Schlangen nicht überall beliebt seien. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt Grünenwald die Anekdote von jener verängstigten Frau, die nach dem Parkieren ihres Autos vor dem Haus merkte, wie eine Schlange via Auspuff in den Wagen kroch. Sie alarmierte die Polizei, die eine halbe Stunde später eintraf. Allerdings war die Schlange inzwischen im Garten verschwunden. Weil die Polizisten das gesuchte Tier nicht fanden, zogen sie wieder ab. Die Frau war danach so verunsichert, dass sie ihr Auto nie wieder berührte und wenig später verkaufte.

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