Gastautor Andreas HänselGastautor Andreas Hänsel

Polizei, Feuerwehr, Sanität und die Psychosoziale Notfallversorgung stehen vor einem ernsthaften Problem: Die Echtzeitkommunikation erschwert die Arbeit der Einsatzkräfte massiv. Andreas Hänsel macht begreiflich, was an der Schnittstelle zwischen virtueller Welt und Wirklichkeit passiert und wie das Postfaktische die Einsatzdienste belasten kann. Der Münchner Kriseninterventionsexperte nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise.

Wir sind Zeitzeugen und Erleidende eines gigantischen und allumfassenden Umbruchs der Menschheitsgeschichte. Blicken wir einmal stichpunktartig zurück, wie alles seinen Anfang nimmt: Vor 13,5 Milliarden Jahren findet der Urknall statt. Es entstehen Materie, Energie, Raum und Zeit. 300'000 Jahre später verbinden sich Materie und Energie zu Atomen, die sich wiederum zu Molekülen zusammenschliessen. Vor 3,8 Millionen Jahren verdichten sich Moleküle zu grossen und komplexen Strukturen, die wir als Organismen bezeichnen. Auf einem Planeten namens Erde entsteht Leben.

Vor 70'000 Jahren beginnt der Homo sapiens mit dem Aufbau von noch komplexeren Strukturen, die wir Kulturen nennen. Die Menschheit beginnt, Geschichte zu schreiben. Erst vor 12'000 Jahren bringt die landwirtschaftliche Revolution den evolutionären Vorteil, Nahrungsmittel auf Vorrat zu produzieren. Vor 500 Jahren entdeckt der Homo sapiens seine Unwissenheit und beginnt, die Gegebenheiten seines Daseins zu hinterfragen. Es entstehen Wissenschaften im heutigen Sinne. Dann setzt sich das Räderwerk der Industrialisierung in Bewegung, und schliesslich wird die Welt als Markt begriffen, das Kapital wandelt sich in Echtzeit um.© pixabay.com

Ist Digitalisierung erst der Anfang?

Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung – also heute – steht das digitale Zeitalter. Aber es gibt ernst zu nehmende Stimmen, die sagen, dass die Digitalisierung nicht die grösste Umwälzung aller Zeiten sei, sondern erst der Anfang. Der Takt, in dem die Menschheit Entwicklungsschübe macht, verkürzt sich exponentiell, immer atemberaubender wird sein Tempo. Oder anders formuliert: Zeit und Raum verdichten sich, wir armen Kreaturen werden von den Entwicklungen schlichtweg überfahren.

In nur einem knappen Vierteljahrhundert hat sich unser Leben von Grund auf gewandelt: Wie wir kommunizieren, wie wir denken und wie wir lernen; wie wir einkaufen, wie wir schlafen und wie wir uns bewegen; wie wir streiten und uns versöhnen, wie wir planen und entscheiden, wie wir glauben, lieben, leiden und wie wir hoffen. Und all das wird sekunden- und zentimetergenau vermessen und dann in einer unfassbar grossen Datenwolke abgespeichert. Die Erschaffung einer virtuellen Welt verändert aber nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn.

Den Blick auf diese unvorstellbaren Dimensionen zu richten, lohnt sich durchaus, bevor man darüber nachdenkt, welche Auswirkungen das digitale Zeitalter auf die Arbeit von Polizei, Feuerwehr, Sanität und vor allem auf das Feld der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) haben wird. Letzteren Dienst stelle ich in den Mittelpunkt meiner Betrachtungen. Einmal, weil ich in der Krisenintervention arbeite und für sie ausbilde. Zum anderen, weil wir am nachhaltigsten mit Menschen in Ausnahmesituationen konfrontiert sind, die diese Neuen Medien nutzen und dabei ungewollt ihren Stresspegel nach oben treiben.

Gestaltend eingreifen!

Unbestritten ist, dass die Einsatzdienste die Vorteile der schnellen Information und Kommunikation, der besseren Überwachung, der erweiterten Ermittlungsmöglichkeiten und der modernen Notfallmedizin segensreich nutzen. Zugleich fühlen wir uns aber von den Phänomenen überrumpelt, die unsere Arbeit durch die extensive Nutzung der Neuen Medien erschweren.
Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Aber ich bin entschieden dafür, dass man sich nicht überrollen lässt, sondern gestaltend eingreift. Dazu ist es notwendig, tiefer zu verstehen, was die Neuen Medien mit uns machen, genauer gesagt, was sie in und mit unseren Köpfen anrichten. Ich bin kein IT-Experte, aber ich nehme das Einsatzgeschehen wahr und setze das Erlebte in einen Bezug zu meinem Fachwissen. Ich kann keine umfassenden Antworten liefern. Die Materie ist viel zu komplex. Aber tiefer gehendes Nachdenken macht den Kopf frei für neue Ideen.

© shutterstock.com / 1013377816Mit unseren Steinzeit-Gehirnen segeln wir durch das digitale All


Im März dieses Jahres schreibt Karl-Markus Gauss in der «Süddeutschen Zeitung» über einen Kongress mit dem Thema «Neue Medien versus (altmodischen) Journalismus». Eine Referentin, die sich mit der Nachrichtenübermittlung via Neue Medien nach einem Erdbeben in einem entlegenen Teil Südamerikas befasste, rief am Ende ihres Vortrages triumphierend aus: «Binnen zwei Minuten nach Beginn des Bebens hatten wir die Bilder im Netz. Wir waren schneller als die Katastrophe!»

«Mit ‹wir›», schreibt Gauss weiter, «meinte sie alles, was für den Fortschritt stand: die innovative Technik, die Neuen Medien, die grosse Gemeinschaft derer, die mit Kurznachrichten über Facebook oder Twitter, mit wackligen Videos und Selfies von allen Orten der Welt an der permanenten Chronik der Gegenwart mitarbeiten.»
Natürlich war diese Formulierung plakativ gesetzt und brachte in der Emphase die korrekte zeitliche Abfolge durcheinander. Das sagt schon das Wort Nachricht. Zuerst war natürlich das Beben, zwei Minuten danach waren die Meldungen weltweit draussen. Kleine Ungenauigkeit, sei’s drum. Aber eine bezeichnende.

Die heute mögliche Echtzeit der Nachrichtenübermittlung ist eine feine Sache. Die Kehrseite ist, dass wir das Handy zu einer Gehirnprothese gemacht haben, die wir von Kindesbeinen an tragen. Warum? Und welche Folgen hat das für uns? Um eine mögliche Antwort zu finden, müssen wir noch einmal kurz zur Entwicklung der Menschheit zurückkehren.

Unser Gehirn stammt in seiner Grundausstattung aus der Steinzeit. Wir erinnern uns – vor 3,8 Millionen Jahren entstand Leben auf unserem Planeten. Der Beginn der Steinzeit wird auf 2,3 Millionen Jahre taxiert. Gut, die neuronalen Vernetzungsstrukturen haben sich seither verändert, aber die Grundfunktionsweise des Stammhirns ist die gleiche.

Wahnsinn, wir tragen Relikte aus anno 2,3 Millionen in unserem Kopf. Das bedeutet, dass unsere Gefahrenabwehrzentrale im Stammhirn auf die gleiche Weise funktioniert wie vor zwei Millionen Jahren. Wir reagieren bei einem Angriff eines Jungstiers also genau gleich wie unser Urahn bei einem Angriff eines Säbelzahntigers.

Nun könnte man einwenden, der Segen der neuen, digitalen Welt habe uns doch ein Kompendium von fantastischen Frühwarnsystemen beschert. Das muss doch im Gegenzug beruhigen. Unser Stammhirn lässt sich aber nicht austricksen. Denn wir sind ja leider noch nicht Homo Deus. Wir leben immer noch, um zu überleben. Und wir haben leider immer noch nicht alle Gefahren abgeräumt. Die da wären: der normale biologische Tod, die Naturkatastrophen, die Kriege, die Krebserkrankung, die Unfälle, die Verbrechen, die Suizide. Deshalb nutzt unser Stammhirn süchtig die Chance der Echtzeit bei der Benachrichtigung von Unglücksfällen und Katastrophen – weil es durch die Nachrichten und Bilder für das eigene Überleben lernen will.

Was bedeutet die Echtzeit der Bilder- und Informationsübermittlung weltweit für die konkrete Arbeit der Einsatzdienste? Zuerst einmal führt dies zu einer grossen Anzahl von Menschen, die schnell am Ort des Geschehens sind. Die müssen von uns sortiert werden: Wer ist Gaffer, Wichtigmacher, Zeuge, Angehöriger et cetera? Das ist bereits hohe Kunst der Organisation. Was aber machen die Nachrichten, die diese Menschen bereits vor Eintreffen am Einsatzort in ihren Köpfen haben?

Olympia Einkaufszentrum in MünchenOlympia Einkaufszentrum in München22. Juli 2016, Olympia-Einkaufszentrum in München

An der Polizeiabsperrung hält mir eine Mutter schreiend ihr Smartphone vor die Nase. Auf dem wackeligen Video ist ein Jugendlicher zu sehen, der in einer Blutlache liegt. «Die Kleidung», schreit sie, «die Kleidung. Das ist mein Sohn!» Ist das ihr Sohn? Ich weiss es nicht. Acht Stunden später überbringen wir mit der Polizei die offizielle Todesnachricht. Wer glaubt, in diesen acht Stunden, um die uns die Echtzeit der Nachrichtenübermittlung überholt hat, auch nur einen Hauch von Stressreduktion hinzukriegen, ist ein Schelm. Im Gegenteil, zum Stress gesellt sich die Aggression, und spätestens nach drei Stunden herrscht blanke Wut.

Die Bilder- und Nachrichtenüberflutung

Um zu erfahren, dass die schnellen Bilder etwas mit unserem Gehirn anrichten, machen Sie mal einen Selbsttest: Spielen Sie 30 Minuten zügig Freecell Patience online. Dann trinken Sie in Ruhe einen Kaffee und legen sich hin. Dann schliessen Sie die Augen. Sie werden erstaunt sein, wie lange die Spielkarten vor Ihrem geistigen Auge he­rumflattern.

Machen wir uns noch einmal klar: Der Steinzeitmensch hatte jene Menge Bilder im Kopf gehabt, die von seinem persönlich Erlebten stammten. Gut, nehmen wir noch die Bilder dazu, die er auf die Höhlenwände gemalt hatte. Die Bildermenge, die der Mensch im Mittelalter zu verarbeiten hat, mag schon etwas umfangreicher gewesen sein. Buchdruck, meinetwegen auch Telefon, Film und Fernsehen im vergangenen Jahrhundert, vollzog die Nachrichtenübermittlung bereits in flottem Tempo, aber die Menge war von unserem Gehirn wohl noch zu verarbeiten.

Heutzutage kann man getrost ein dickes Fragezeichen hinter diese Vermutung setzen. Die ununterbrochene Nachrichtenaufnahme beschädigt zudem eine überlebenswichtige Funktion in unserem Gehirn: das Vergessen. Das scheint in besonderem Masse für die Verarbeitung von Gefahrennachrichten zu gelten, nach denen unser Gehirn ja lechzt. Diese Nachrichten irrlichtern unbemerkt wie ruhelose Gespenster durch die Wandelgänge des Gehirns und erschrecken uns zusätzlich genau dann, wenn wir einen kühlen Kopf bräuchten.

Vor ein paar Monaten schoss im morgendlichen Berufsverkehr ein offenbar psychisch kranker Mann auf eine Polizistin. Die Waffe hatte er ihrem Kollegen entwendet. Dann ballerte er das ganze Magazin leer. Die junge Polizistin erlitt einen Kopfschuss und liegt seither im Wachkoma. Zwei Passanten wurden getroffen und verletzt. Die Tat ereignete sich am S-Bahnhof einer Stadtrandgemeinde von München. Da in diesem Ort viele grosse Firmen angesiedelt sind, hatten wir 150 unmittelbar betroffene Augenzeugen zu betreuen. Wissen Sie, welches Thema dabei einen breiten Raum einnahm? Das Attentat im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München vor einem Jahr. Obwohl nur eine Betreute damals im OEZ gewesen war.

Was passiert da in den Köpfen? Eine junge Angestellte sitzt in der S-Bahn. Der Zug fährt ein, sie nimmt die Kopfhörer von den Ohren. Ein Projektil zerschmettert die Scheibe. Das «Selbst» der Angestellten nimmt situativ zuerst das Geräusch wahr, kann es nicht zuordnen. Dann sieht sie das Bild der zerborstenen Scheibe. Erst als ein Fahrgast brüllt: «Runter auf den Boden!», fährt die Gefahrenabwehrzentrale in ihrem Gehirn hoch. Jetzt liefert das «erinnernde Selbst» die Bilder aus dem OEZ.

Diese Bildüberflutungen aus dem «Archiv» erhöhen aber den sowieso schon durch das Ereignis entstandenen Stress. Die Devise «Je mehr ich weiss, desto mehr Angst habe ich» entfaltet ihre volle Wirkung. Die Angestellte liegt auf dem Boden der S-Bahn, zittert, hat Schweiss­ausbrüche und erbricht schliesslich. Sie steht erst auf, als die Polizei sie dazu auffordert.

Der Störfaktor Mensch und die virtuelle Welt

Die Tatsache, dass es neben der realen Welt, der Wirklichkeit, in der wir leben, eine Parallelwelt, eine virtuelle Welt, gibt, beschert uns, zunehmend Opfer der «netzinduzierten Gewalttaten» zu werden. Ich kann mich nicht zur Frage äussern, inwieweit Gewalt verherrlichende Bilder im Netz ursächlich für derartige Taten sind. Schliesslich wird ja auch im Fernsehen tagein, tagaus geballert. Die Studienlage ist zu dieser Frage widersprüchlich. Dass aber diese Verbrechen ohne das Netz nicht durchführbar wären, kann getrost festgestellt werden.

Am Ostersonntag 2017 fuhr der 37-jährige Steve Stephens durch Cleveland, Ohio, und suchte, wie er auf Facebook erklärte, nach einem Opfer für einen Mord. Kurze Zeit später hatte er es gefunden: Es war der 74-jährige Robert Godwin, ein zufällig ausgewählter Mann. Stephens erschoss ihn vor laufender Handykamera und postete das Video auf Facebook live. Über tausend Menschen hatten es gesehen, bevor es nach zwei Stunden gelöscht wurde. Später meldete sich der Täter mit einer Live-Botschaft noch einmal. «Ich habe Scheisse gebaut», sagte er, «ich bin durchgedreht. Ich werde töten, bis sie mich kriegen.» Als ihn die Polizei stellte, hat er sich selbst erschossen.

© https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMan_Writing_a_Letter_by_Gabri%C3%ABl_Metsu.jpgBrief eines Narzissten

Mit Beispielen dieser Art könnte ich noch stundenlang fortfahren. Die zentrale Frage lautet auch hier: Was geht in deren Köpfen vor? Ich habe nachgedacht, ob es in meinem Leben Beispiele gibt, bei denen ich mich über ein Medium derart aufgeheizt hätte, um in der Folge irgendeinen Unsinn anzustellen. Mir ist eines eingefallen. Leider. Keine Angst. Ich habe mich hinterher nicht erschossen. Ich schreibe ja gerade diesen Text. Aber ich habe hinterher vor lauter Scham gedacht: Erde, tu dich auf und verschlinge mich!

Ich war jung und hatte meine langjährige Freundin wegen einer anderen Frau verlassen. An einem Abend voller Schuldgefühl, Trauer und Rotwein setzte ich mich vor meine Olivetti, die mit dem o so ein wunderschönes Loch in das Papier hacken konnte. Ich schrieb meiner Verlassenen einen Erklärungsbrief. Es wurden elf Seiten. Ich war beglückt. Ein Meisterwerk. Guter Text, bildreiche Sprache, konsequente Gedankenführung. Noch mal lesen? Ach wo. Ich hielt mich nämlich damals für einen Literaten. Ins Couvert, schöne Briefmarke drauf, ab die Post.

Einige Tage später traf ich meine Ex zufällig. Freudig ging ich auf sie zu, um meinen verdienten Dank entgegen­zunehmen. Stattdessen schrie sie mich an. Sie nannte mich sogar ein richtig grosses Stück Scheisse. Später holte ich den Durchschlag des Briefes heraus; ja genau, mit Blaupapier gefertigt. Ich schrieb meine Briefe immer mit Durchschlag. Was ich da ernüchtert lesen musste, war ein riesiger narzisstischer Erguss. Auf elf Seiten hatte ich Gutmensch ihr nämlich dargelegt, wie sie nun ohne mich ihr Leben zum Besseren wenden könne.

Was das mit den vorherigen Beispielen zu tun hat? Ich hatte ja schliesslich niemanden erschossen. Ich hatte einen Menschen seelisch verletzt, ja. Aber ich habe das nicht vor den Augen meiner «Follower» getan. Das Gemeinsame der beiden Gewaltbeispiele ist die narzisstische Entgleisung. Bei beiden Untaten scheint die Mensch-Maschine-Kommunikation den Kontrollverlust zu fördern. Anders gesagt: Netzkommunikation kann eher zur narzisstischen Entgleisung führen.

Wenn ich meinem Chef gut überlegt die Meinung geigen will, dann ist das unmittelbare Kommunikation. Die Reaktion meines Kommunikationspartners erfolgt augenblicklich und wirkt als Korrektiv. Mehr noch, die reale Situation wirkt bereits als Korrektiv. Wenn ich ihn eigentlich einen Mümmelmann nennen wollte, dann muss ich das erst mal fertigbringen, wenn ich ihm gegenübersitze.

Beim Tippen des Briefes an die Verlassene kommuniziere ich bereits über ein Medium. Die Reaktion wird erst viel später eintreffen. Immerhin habe ich ein Bild von der Frau vor mir, ich kenne sie ja, und sie ist mir vertraut. Es ist aber mein Bild, und im Verlauf des Schreibens lässt die Selbstkontrolle nach. Schliesslich übernimmt der Narzissmus, beflügelt vom Rotwein, die Herrschaft, drängt die lästigen Schuldgefühle auf die Seite und gewährt dem erträumten «höheren Selbst» freien Lauf.

Der jugendliche Attentäter vom OEZ in München hatte sein Leben nicht gerade auf der Sonnenseite verbracht. Unzählige einsame Nachtstunden hockte er vor dem PC und tippte seinen Frust und seine Wut in die virtuelle Welt. Der auf diese Weise Kommunizierende hat nicht mal ein Bild von seinem Gegenüber, wie beim Briefeschreiben an eine konkrete Person. Wer sind die, zu denen ich spreche? Und wer sind die, die da im Chat antworten und sich «Fuzzi» oder sonstwie nennen? Selbst wenn sie Fotos mitschicken, sind diese echt? Oder ist es sogar nur eine Maschine, ein Bot, mit dem man da schreibt? Soziales Handeln lernt der Mensch ausschliesslich vom Menschen. Er muss ihn sehen, hören, riechen und fühlen können. Erst dann bildet sich ein Bild vom anderen in seinem Gehirn.

Mehr Selbstent­blössung, mehr Klicks

Aber auf Wanderer im Netz warten zusätzlich noch zahlreiche Narzissmusfallen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg spricht davon, dass nun ja jeder seine Kamera in der Tasche habe. Er meint damit, jeder habe heutzutage seine eigene Fernsehanstalt. Schön. Das bedeutet aber, dass es genauso viele Fernsehanstalten wie Zuschauer gibt. Deshalb laden die Portale auf der Jagd nach der eigenen Community zur Selbstinszenierung ein.

Die Aufmerksamkeit der Empfänger ist begrenzt, also muss man begeistern. Sonst klicken die Zuschauer nach vier Sekunden weiter. Und schon dreht sich die Selbstbespiegelungsspirale nach oben. Man wird zum Schauspieler seines Ichs. Mit geschönten Selbstporträts, Selfies mit Prominenten und Fotos an spektakulären Orten beginnt es. Dann folgen die selbst gemachten Gags und Stunts und schliesslich die Pornofilmchen. Ein Mehr an Selbstentblössung bringt eben mehr Klicks. Am Ende des Weges der Selbstüberhöhung schreiten manche zum finalen Akt. Die Selbstladepistole Glock 17 wird im Darknet angeboten. Jetzt braucht einer nur noch loszugehen, um Geschichte zu schreiben.

Die Buben in den Garagen und Hippiewohnungen des Silicon Valley träumten in der Gründerzeit von einer weltweiten Community, in der jeder das Recht bekommen würde, alles wissen zu können und sich gleichberechtigt auszutauschen. Diese Rechnung wurde ohne den Menschen gemacht. Neben all dem Schönen, Wahren, Guten und Nützlichen, was wir im Netz produzieren, wird der Mensch eben auch in dieser Parallelwelt zum Feind des Menschen. Und die geschilderten Gewalttaten verändern unser Leben ungleich dramatischer als der handelsübliche Totschlag ohne laufende Kamera. Was für den Einzeltäter gilt, ist auf andere Verbrechen übertragbar. Ohne das Netz ist moderner Terrorismus nicht denkbar.

Der Kampf um die Wirklichkeit: Fakten versus Fake News

In der PSNV und in der Gefahrenabwehr setzen wir Information gegen die Orientierungslosigkeit, wir setzen Fakten gegen die Gefühle. Fakten sind Gegebenheiten, die sich – im Wortsinne –
tatsächlich zugetragen haben. Fakten sollten objektiven Charakter haben. Informationen sind in unserer Arbeit die unmittelbaren Zusammenhänge hinter diesen Fakten. Sie sollten immer mit Quellenangaben hinterlegt sein.

Ich stehe vor einer Gruppe von 50 Mädchen eines Internats und berichte aufgrund meiner eigenen Wahrnehmungen vom Einsatzort. Zusätzlich verfüge ich über die Informationen der Polizei, wie es dazu kam, dass eine Mitschülerin im Eisbach im Englischen Garten ertrank. Vier Mitschülerinnen fassten sich an der Hand, hüpften und skandierten: «Trau dich oder du bist ein Feigling?» Auf eins, zwei, drei sprangen zwei von ihnen in den Bach. Eine der beiden konnte sich in der reissenden Strömung ans Ufer retten. Die andere, Nichtschwimmerin, wurde mitgerissen und ertrank. Während ich das erzähle, bemerke ich, dass einige Mädchen unter dem Tisch auf ihren Smartphones herumknibbeln. Schliesslich meldet sich eine und sagt: «Aber die Irmi hat doch die Sariba reingeschubst und jetzt hat die Polizei sie gefangen genommen.»

Derartige Störmeldungen erschweren unsere Arbeit erheblich. Es mag als Satire anmuten, dass das OEZ-Attentat ausschliesslich durch Netzkommunikation zu einer Terrorlage à la Paris hochgeschrieben wurde. Die Strassen waren leer gefegt, es fuhren weder Tram, Bus noch U-Bahn. Fake News entstehen, weil wir Menschen emotionsgesteuert sind und im Erregungszustand ungefiltert unsere eingeschränkten Wahrnehmungen, unsere Panik, unsere Wut und unser Wunschdenken ins Netz stellen. Schönes Beispiel sind die vielen, ich glaube Millionen Menschen, die US-Präsident Donald Trump bei seiner Inauguration gesehen haben will.

Warum aber ist es so schwer, Falschmeldungen richtigzustellen? Forscher um Man-pui Sally Chan von der renommierten University of Pennsylvania präsentierten im Fachmagazin «Psychological Science» eine Meta-Analyse zur Frage, wie diskreditierter Unsinn aus den Köpfen zu verbannen sei. Die ernüchternde Antwort lautet, es ist so gut wie unmöglich. Das Gedächtnis, streichen die Forscher heraus, sei kein reines Speichermedium, in dem Informationen abgelegt und alte, überholte Meldungen einfach gelöscht werden. Stattdessen setzen sich Nachrichten dort fest.

Jedes Mal, wenn die Vorstellungen aufgerufen werden, die die Falschnachrichten glaubhaft machten, werden auch Erklärungen für die eigene Sichtweise verteidigt. Es werden dafür dann sogar neue Argumente gefunden und dergestalt tiefer in den Geist eingegliedert. So erstaunt es kaum, dass Angehörige der Opfer des OEZ noch auf der offiziellen Trauerfeier von drei Tätern sprachen und schworen, dass die erste Polizeistreife erst nach zwanzig Minuten eintraf, obwohl es laut Einsatzdokumentation exakt drei Minuten waren.

Gestalten oder hinnehmen?

Die Entwicklung ist irreversibel. Ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken, dass ich froh bin, nicht mehr erleben zu müssen, wie das alles weitergehen wird. Dass uns die Entwicklungen überholen, ist systemimmanent. Aber wir sind nicht zur Machtlosigkeit verdammt. Wir sind Mittäter. Wir nutzen ja bereitwillig die angenehmen Seiten dieses neuen Lebens. Damit sind wir aber auch Mitgestalter. Wer verbietet uns denn, Facebook zu verlassen und ein eigenes soziales und genossenschaftliches Netzwerk zu gründen?

Was wir allerdings zur Gestaltung brauchen, ist mehr Forschung zu den Auswirkungen des digitalen Zeitalters. Und die relevanten Ergebnisse müssen rascher in die Ausbildungen für Einsatzdienste integriert werden. In der Folge sind Einsatzkonzepte neu zu denken. Wie kann man zum Beispiel zeitlich Beweissicherung und Ermittlung besser mit der Notlinderung bei Angehörigen in Einklang bringen? Mein Anliegen war, über Zusammenhänge nachzudenken, um neue Strategien der Entschleunigung entwickeln zu können. Zeit und Raum verdichten sich. Wenn das so ist, kann sie der Mensch auch wieder dehnen. Das mag anachronistisch klingen, also aus der Zeit gefallen. Von mir aus. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, welche Wirkung es entfalten kann, wenn es gelingt, im globalen Dauergequatsche und Dauergelärme einen Augenblick der Stille zu kreieren.

Andreas Hänsel ist Teammitglied des Krisen-Interventions-Teams München. Als selbstständiger Fachberater für Psychotraumatologie verdient der 64 Jahre alte Münchner seinen Lebensunterhalt mit Seminaren und Trainings zu den Themen Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) und Stressmanagement im klinischen Bereich. Hänsel doziert auch an internationalen Kongressen. Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit steht die Frage: Wie reagiert der Mensch unter Belastung und Stress und wie kann er sich schützen und dabei handlungs- und leistungsfähig bleiben?

Andreas Hänsel ist seit 15 Jahren in der Krisenintervention tätig und bildet in diesem Bereich den Nachwuchs aus. Er hat zahlreiche sensible PSNV-Einsätze geleitet, unter anderem bei der Tsunami-Katastrophe 2004 in Thailand und beim Amoklauf 2016 im Münchner Olympia-Einkaufszentrum.

Andreas Hänsel schaltet einmal am Tag das Handy aus und schweigt, um einen klaren Kopf zu bekommen. «Ich stelle fest, dass dies funktioniert. In der Seele wird es ruhig», sagt der Bayer. Den Spaziergang mit seinem Hund in der Natur erachtet Hänsel als weitere Kraftquelle. Hänsel studierte Geschichte und Philosophie.
www.andreashaensel.de

Zur Realisierung von neuen drahtgebundenen und mobilen Kommunikationsnetzen für die Daten der Blaulichtorganisationen hat der Bund die Diskussion eröffnet. Im Rahmen der Totalrevision des Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetzes (BZG) hat der Bundesrat im vergangenen Dezember die Vernehmlassung gestartet. Sie läuft bis Ende März, es geht um eine Modernisierung. Angestrebt wird, das BZG gezielter...
In Aarau hat vor fast einem Jahr die neue Kantonale Notrufzentrale (KNZ) den Betrieb aufgenommen. Mit dem 38-Millionen-Projekt konnte die geplante Optimierung erreicht werden. Es war ein medialer Grossanlass, als Ende April 2017 die neue Notrufzen­trale des Kantons Aargau in Betrieb ging. In drei Reihen sitzen seither die Polizisten und Mitarbeitenden der Sanitätsnotrufzentrale im...
Die sechs Feuerwehrstützpunkte der Basel-Landschaft haben ihre Alarmierungssysteme fit für den totalen, lange dauernden Stromausfall gemacht. Möglich macht das eine autarke Alarmierungslösung von Swissphone. Die Versorgungssicherheit im Fall eines Langzeit-Blackouts der Stromversorgung war in der Schweiz lange Zeit kein zentrales Thema. Sie schien gesichert. Doch in der SVU 2014...
Der Polizeipsychologe Manfred Krampl über Gewalt und Terror, darüber, wie wir damit umgehen und weshalb unsere westliche Gesellschaft anfälliger dafür ist. Was bringt Menschen dazu, Gewalt­taten zu begehen? Manfred Krampl: Wir kennen verschiedene Arten von Gewalttaten: Terroranschläge, Amokläufe an Schulen, Familientragödien. Es gibt nicht ein vorherrschendes Motiv für diese unfassbaren Taten....
Diese Webseite nutzt Cookies & Analytics. Wenn Sie weiter auf dieser Seite bleiben, stimmen Sie unseren Datenschutzbestimmungen zu.
Weitere Informationen